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Karl Schleuter
dokumentierte
schnelle Menschen im Foto


1967 Klaus Enders und Ralf Engelhardt bei Ihrer Siegestour bei der TT auf der Isle of Man. Selbstverständlich setzten die
beiden später für Schleuter ihre Autogramme auf das Foto. Die Halbschalenhelme lassen mehr vom Gesicht und damit die
Konzentration der Fahrer erkennen. Ralf Engelhardts Kombi zeigt Spuren von schnellen Bodenberührungen
Foto: Karl Schleuter ©

Mehr als Worte

Wenn immer ich mit bekannten Personen aus der Rennszene zu tun habe, verfügen diese oft über zahlreiche Fotos, die ihnen während der Jahre ihrer sportlichen Aktivitäten verehrt wurden. Die besten Fotos stammen in der Regel von professionellen oder von halbprofessionellen Fotografen und Presseleuten, die auch persönlich eine sehr innige Beziehung zu der Sportart haben und die sie deshalb in vielfältigen Facetten im Foto dokumentierten. An Namen, die mir in diesem Zusammenhang auf Anhieb persönlich einfallen, sind etwa Axel Koenigsbeck zum Thema Gespanne und Gespann-Motocross, im Bereich Straßenrennsport ab der 1960er Jahre Walter Kotauschek aus Porz-Grengel und eben Karl Schleuter aus Bonn. Mit allen dreien hatte ich bisher Kontakt, schon alleine um deren meisterhafte Fotos für die Homepage unseres Clubs auch verwenden zu dürfen.

Fotografen, wie die vorgenannten Herren, waren oder sind seit Jahrzehnten dabei, wenn sich die Weltspitze des Motorradsports zu hochkarätigen Wettbewerben trifft. Dort sind sie bekannt und geschätzt. Ausgewiesene Pressevertreter dürfen sich oft an exklusiven Standorten der Rennstrecke positionieren, um besonders eindrucksvolle Augenblicke des Sports im Foto festzuhalten. Aber der gute Standort alleine reicht noch nicht fürs gelungene Foto. Dazu tragen die langjährige Erfahrungen als Fotograf, das Können oder besser der Sinn für den besten Blick und den besten Moment zum Drücken des Kameraauslösers bei. Ohne diesen Feinsinn bleibt die noch so professionelle und teure Technik ohne großen Nutzen. Die Welt findet den Sport in diesen Fotos wieder, erlebt das Erlebte nach. Noch nach Jahrzehnten vermittelt der im Foto festgehaltene Augenblick dem Betrachter als eine Art von erzählter Geschichte, wie sie mit Worten nicht möglich ist.

Ohne derartige Fotografen blieben uns heute viele Momente des sportlichen Kampfes, der Spannung, der Dramatik und des Triumphes aber auch der Technik- und Kulturgeschichte aus der extremen Welt des Rennsportes verschlossen, und zwar ganz gleich, ob wir selbst nicht dabei waren oder weil nach so langer Zeit die eigenen Erinnerungen nachlassen. Karl Schleuter und seine Kollegen tragen mit ihren Fotos dazu bei, dass die Leistungen der alten Meister nicht in Vergessenheit geraten, dass sie lebendig bleiben. Sie konservieren sozusagen den Augenblick aus einer bald vergangenen Zeit und ziehen diesen Augenblick mit ihren Werken in unsere Gegenwart herüber.

Stiller Kenner der Szene

Wer so, wie beispielsweise die vorgenannten Herren, allwöchentlich und über Jahre und Jahrzehnte hinweg als Pressefotograf bei den großen Sportveranstaltungen mittendrin und dabei war, der beschert der Welt nicht nur meisterliche Fotos, der kennt sich in der Szene so gut aus, wie nur wenige. Auch Schleuter kennt alle „Objekte“ seiner Fotos persönlich und die kennen ihn. Pressefotografen wie Schleuter sind integraler Bestandteil der Motorsport-Szene, die sie mit der Kamera beobachten und dokumentieren.

Peter Frohnmeyer, in jungen Jahren selbst ein erfolgreicher Motorrad-Rennfahrer, betreibt heute die sehr empfehlenswerte Homepage www.classic-motorrad.de. Darin schreibt er über Karl Schleuter: „Erneut wird es höchste Zeit, jemanden zu würdigen, der seit „ewigen“ Zeiten in der Szene steckt: Karl Schleuter, legendärer Fotograf und Kenner praktisch aller, die je im Sattel einer GP-Maschine gesessen haben! Ich freue mich jedes Mal auf die wunderbaren Gespräche mit ihm! www.classic-motorrad.de wünscht ihm herzlich alles Gute! Wenn der einmal ein Buch über die letzten 50 Jahre Motorrad-WM schreiben würde, das Ding wäre kaum zu toppen! Ganz besonders wegen der „aus der eigenen Linse“ stammenden Illustration!“
Quelle: http://www.classic-motorrad.de/bendix/Spa05-impress/index-1.htm

Ich stimme Peter Frohnmeyer vollumfänglich zu: Ein Buch mit und über Karl Schleuter, mit einer Auswahl seiner Fotos illustriert, das wäre ein absoluter Knaller. Die nachfolgende Geschichte kann und will einen solchen Anspruch nicht erfüllen. Dennoch habe ich den Ehrgeiz, zumindest ein paar Bruchstücke eines solchen möglichen Buches nachfolgend wiederzugeben.


Der Meister beim unscheinbaren Einsatz im finnischen Imatra mit typischer Kopfbedeckung


TT 1966 Georg Auerbacher und Eduard Dein


1966 Siegfried Lohmann aus Bremen auf einer der ersten japanischen käuflichen Yamaha Rennmaschinen TD1A. Natürlich wurde der Production-Racer von ihm selbst noch individuell optimiert. Lohmann fuhr noch Anfangs dieses Jahrtausends mit über 70 Jahren Motorradrennen

Seltene Autogrammkachel, hinter der nicht weniger als 70 Motorrad-WM-Titel stehen und 500 GP-Siege:
Agostini, Nieto, Biland, Read, Redman, Ubbiali, Surtees und Duke

Mein Besuch im Januar 2013

Wolfgang Kamradt, der einige Jahre der Mechaniker von Walter Sommer war, hatte in seiner Fotosammlung einige so hervorragende Fotos, die Walter Sommer in verschiedenen Situationen mit und ohne Motorrad zeigten. Über Wolfgang Kamradt fand ich schließlich zu Karl Schleuter, der diese Fotos vor Jahrzehnten geschossen hatte und den ich um Erlaubnis für die Verwendung der Fotos fragen musste. Bei meinem obligatorischen Telefonat mit ihm bekam ich schnell einen ersten Eindruck davon, wie intensiv dieser mit derMotorradrennszene von den 1950er Jahren bis heute verbunden ist, und zwar nicht nur als Fotograf. Schon immer interessierte sich Schleuter für Motorräder. Das war in den 1950er Jahren so, als die Motorradzulassungen nach dem Krieg einen ersten Boom erfuhren und das war auch noch so in den 1960er Jahren, als sich in der alten Bundesrepublik Deutschland nur noch wenige für ein Motorrad begeistern konnten. Karl Schleuter war in dessen in jenen Jahren durchweg mit einem Motorrad unterwegs: Zunächst mit einer BMW R50 sowohl solo als auch mit einem Seitenwagen der Fa. Koch aus Oberursel. Anschließend mit einem originalen BMW R60-Gespann. Es muss deshalb auch niemanden wundern, dass Schleuters Fotoleidenschaft sich hauptsächlich um das Thema Motorrad drehte. Ausdruck dieser Leidenschaft ist auch die Tatsache, dass er sagenhafte 50 mal die Rennen auf der Isle of Man besucht hatte. Wen wundert es da noch, wenn er heute sagt, dass diese Insel zu seiner zweiten Heimat geworden ist: Zunächst wegen der Rennen und sehr bald wegen der Landschaft und der Menschen die er dort kennen lernte. Was ist zu seiner Leidenschaft noch mehr zu sagen?


Schleuter auf Adventstour 1958 im Westerwald. Der Weihnachtsbaum ist schon als Sozius untergebracht


1958 im Eifelort Drees, nahe dem Nürburgring beim legendären "Nett-Wirt. Die älteren Jahrgänge aus der Region werden sich noch an das Motorradfahrer-Lokal erinnern, dass auch noch in den 1960er und 1970er Jahren bestand, als etwa im Restaurant Hotel-Tribüne am Nürburgring Motorradfahrer in Motorradkleidung nicht bedient wurden

Ich vereinbarte mit Karl Schleuter einen ersten Gesprächstermin bei ihm, den wir erst einmal finden mussten. „Ich bin Jahrgang 1933!“, hatte mir Karl Schleuter schon am Telefon erzählt, „und ich bin viel unterwegs, meisten bei und mit meiner Freundin, mit der ich schon 51 Jahre zusammen bin“.
Nach meiner Arbeit in meinem Beruf in Bad Godesberg fahre ich zu ihm hin und finde seine Wohnung in einem modernen Mehrfamilienhaus in Dottendorf, nicht weit entfernt von dem Fabrikgelände eines weltbekannten Bonner Süßwarenherstellers. „Wenn Sie nach 17:30 Uhr kommen, finden Sie in der Nähe auch leicht einen Parkplatz, weil die meisten HARIBO-Mitarbeiter dann Feierabend haben und schon nach Hause sind“, hatte er mir noch am Telefon als Tipp mit auf den Weg gegeben. Dem war auch so.

Schließlich öffnet mir im zweiten Stock des Hauses ein schlanker älterer Herr die Tür. Es ist Karl Schleuter. Beim Betreten des Flures fallen sofort an den Wänden hängende Fotos auf, die Szenen aus dem Motorradrennsport zeigen. Plakate und andere kleine Utensilien, die ihm vor vielen Jahren offenbar zu lieben Dingen wurden, dienen jetzt als Wandschmuck. Viele haben beim genauen Hinsehen etwas mit der Insel Man und den berühmten TT-Rennen zu tun. Hier bin ich richtig, geht mir durch den Kopf, auch wenn ich da noch nicht viel mit Karl Schleuter gesprochen habe.

Ein Raum in seiner Wohnung, ich möchte ihn als Kultraum bezeichnen, dient in besonderer Weise seiner Motorrad-Leidenschaft für Straßenrennen. In diesen Raum führt er mich kurz nach meinem Eintritt in seine Wohnung. Hier hängen sie in großer Zahl, seine Meisterfotos aus etwa fünf Jahrzehnten Motorradrennsport. Auf einer Holztafel findet sich ein Kabinett von Kolben aus Rennmaschinen, die dem Renneinsatz nicht standhielten und heftig zerstört den Dienst quittierten. Fein säuberlich mit Schreibmaschine beschriebene kleine Hinweisschilder geben an, welch prominenter Fahrer mit welchem berühmten Motorrad vor fünfzig und mehr Jahren solch teuren Schrott produziert hatte.

Die Erinnerungsstücke, die etwas mit der Tourist Trophy auf der Isle of Man zu tun haben, sind auch hier in der Mehrzahl. Spätestens jetzt muss dem Besucher klar werden, welche innige Beziehung Karl Schleuter zu dieser besonderen Rennveranstaltung auf der Insel in der Irischen See hat. 1960 war er erstmals Besucher der TT, „wo ich auch mehrmals dem Manx-Grand-Prix beiwohnte und 2007 war ich zum fünfzigsten Mal dabei, sozusagen eine goldenes Jubiläum. Dafür wurde ich auch vom Rennveranstalter geehrt“, berichtet er mir und zeigt mir ein Foto, dass ihn in typisch englischer Clubjacke zeigt und auf dem er den ihm verliehenen Pokal hält.

Dann zeigt er mir eine Dose englischer Limonade mit dem Schriftzug „VIMTO“, die noch voll ist und aus dem Jahre 1999 stammt. „Diese Dose hatte ich von John McGuinness an dem Tag erhalten, an dem der sein erstes TT-Rennen gewann, und zwar noch vor seinem Start. Bis heute (Januar 2013) hat McGuinness 19 TT-Siege davongetragen und es können noch mehr werden“. Ich wundere mich gar nicht, dass bei einer so intensiven Beziehung Schleuters zur TT diese Limonaden-Dose von John McGuinness für ihn zu einer Art Reliquie werden musste. Diesen Gedanken habe ich noch nicht beendet, da greift Schleuter auch schon zur größten der vielen auf dem Regal stehenden Sektflaschen. Die Flasche ist leer, ganz so wie die übrigen dort befindlichen Sektflaschen auch. „Das sind alles Flaschen, die ich von TT-Siegern erhalten habe. Deshalb sind die auch leer. Alle geleert auf dem Siegespodest“, erklärt mit Schleuter und fährt fort: „Die hier, das war einmal die Siegerflasche von John McGuinness“. Dabei zeigt er auf eine Unterschrift auf dem Etikett, die ich bei genauem Hinsehen und seinen weitergehenden Erklärungen als das Autogramm John McGuinness erkenne.


Griffbereit ist sie immer noch, die Fototasche, die zuletzt 2007
im Einsatz war

Aus einem Schrank nimmt er eine relativ kleine Fototasche. In dieser führte er bis zuletzt seine Ausrüstung mit: Eine Leica-Kleinbildkamera, eine Minolta, das Blitzgerät und eine Leicaflex, dazu mehrere Wechselobjektive für Portraits und mit größeren Brennweiten für Teleaufnahmen.
„An dem grünen Hut mit einem Schriftzug „Presse“-bin ich immer schnell auf den Fotos von der Strecke zu erkennen“, erklärt Schleuter weiter und weist zugleich auf einige Fotos, auf denen er selbst abgebildet ist, so etwa auf einem jüngeren Foto im Gespräch mit Giacomo Agostini vertieft. Ohne Hut ist er auf einem älteren Bild zu finden; es zeigt eine Szene vom Zielbereich und trägt die bezeichnende Unterschrift „Waiting for Joey“. Das Foto machte Schleuters britischer Kollege Tony McNight in den 1980er Jahren. Ich bin mir inzwischen sicher, dass Schleuter zu jedem der vielen Exponate in seiner Wohnung eine hochinteressante Geschichte erzählen kann.


Karl Schleuter im Januar 2013 im Flur seiner Wohnung in den ersten Minuten meines Besuches


Kabinett von Motorradteilen, die vor mehr als 50 Jahren den Renneinsatz nicht überstanden


Erinnerungsstücke in Hülle und Fülle. Schleuter weiß zu jedem einzelnen Teil eine Geschichte zu erzählen


Leere Sieger-Sektflaschen der TT und andere Getränkebehältnisse mit
gewichtigen Geschichten. Die Limonadendose im Vordergrund schenkte John McGuiness Schleuter unmittelbar vor seinem Start zum ersten TT-Sieg


Kollagen von Stickern


Für sich selbst hat Karl Schleuter seine Erinnerungen mit Notizen, vielen Fotos und weiteren Urkunden in mehreren Alben dokumentiert


Im Team stellten wir die Informationen für die vorliegende Geschichte im Rahmen mehrerer mehrstündiger Treffen zusammen


Auch mit seiner schicken Kleidung lässt Schleuter den aufmerksamen Beobachter seine enge Beziehung zur Isle of Man erkennen

Mal eben mit Geoff Duke telefoniert

Es folgten noch weitere Termine in Karl Schleuters Wohnung. Der Text musste schließlich hinsichtlich seines Inhaltes überarbeitet werden. Und dann ging es natürlich auch um die Fotos für die vorliegende Geschichte. Ich gab ihm eine Liste, der benötigten Fotos, durchweg von Personen, die in der vorliegenden Geschichte namentlich angesprochen werden. Karl Schleuter hatte sich für den Termin sehr gut vorbereitet und die Alben mit den gesuchten Fotos bereitgelegt. Beim Blättern und Heraussuchen der Fotos fällt mir einmal mehr die hohe Qualität seiner Fotos auf: Angefangen vom perfekten Hintergrund, dem Ausschnitt bis hin zum festgehaltenen Moment. Dann wird mir bewusst, dass die Fahrer in den 1960er und den frühen 1970er Jahren nicht nur hautenges Lederzeug – geringer Luftwiderstand – trugen sondern auch durchweg Halbschalen- oder Jet-Helme mit Brille. Schleuters Fotos lassen deshalb nicht nur das hohe Tempo erkennen, die Gesichtszüge der Fahrer zeigen sehr deutlich den voll konzentrierten Menschen, der im Grenzbereich sein Bestes auf dem Rennmotorrad gibt.

Bei einem zweiten Blick fällt mir auf, dass Schleuter insbesondere bei den Portraits die Geburtstage der Portraitierten notiert sind. Bei einem der ersten Fotos sehen wir am 29.03.2013 bei dem Namen Geoff Duke das Geburtsdatum 29.03.1923 stehen. „Welches Datum haben wir heute?“ fragt mich Karl Schleuter. Ich gebe ihm die erbetene Auskunft. „Was für ein Zufall!“, ruft Schleuter. „Wie spät ist es denn jetzt?“, fragt er, schaut auf seine Uhr: „ 09:30 Uhr“, fährt er fort, „ dann sind es jetzt in England 08:30 Uhr und ich kann dort jetzt schon anrufen“. Sagte es, hat in dem Moment auch schon den Telefonhörer in der Hand und tippt die Rufnummer von einer Liste ab, die er plötzlich in seiner Hand hat und die voll ist mit berühmten Namen aus vielen Jahrzehnten der Motorrad-Grand-Prix-Geschichte. Wenige Augenblicke später hatte am anderen Ende der Leitung auch schon jemand den Höher abgenommen. „Hello Daisy!“ höre ich Schleuter rufen und in englischer Sprache unterhält er sich mit dieser Daisy so wie mit jemandem, den man schon sehr lange und gut kennt. Dann wird der Höhrer am anderen Ende weitergereicht und Schleuter spricht mit „Geoff“, der ihn gewiss als ersten „from Germany“ an diesem Tag zum 90. Geburtstag gratuliert. Die beiden wechseln noch einige Sätze über das Befinden und verabschieden sich danach mit guten Wünsche. Danach kehrt Schleuter zu mir zurück und erzählt mir, dass er von Geoff Duke's Sohn Peter wisse, dass dieser hochgradig an Parkinson erkrankt und zudem fast ganz blind sei. „Was mag der Geoff wohl denken, wenn der an dem Tag so früh schon einen Anruf zu seinem Geburtstag bekommt?“, fragt Schleuter mich lachend und fährt sodann nachdenklich fort: „Wenn man mal 90 Jahre alt ist, sind nicht mehr viele Freunde aus jüngeren Jahren übrig“.


Die Zeitschrift Motorsport Aktuell berichtete Ende März 2013
auch über Geoff Dukes Geburtstag

Nebenberuflicher Weltenbummler in Sachen Motorradrennsport

Gleich zu Beginn meines Besuches stellt Karl Schleuter heraus, dass er hauptberuflich kein Pressefotograf war. Er sei als gelernter Elektrotechniker bei der Fa. Kautex einem ganz normalen Brötchenerwerb im Konstruktionsbüro-Elektro nachgegangen. Angesichts der Qualität seiner Fotos muss er sein Hobby aber sehr ernst genommen haben, denke ich mir, denn ein Profi hätte keine besseren Fotos machen können. Begonnen hatte er mit dem Fotografieren in den 1950er Jahren. Mit der Qualität seiner Fotos nahm auch seine Bekanntheit bei Interessenten für seine Fotos zu. Seit den 1960er Jahren war Karl Schleuter schließlich zu den internationalen Rennveranstaltungen regelmäßig mit einem Presseausweis unterwegs, der ihm die Arbeit als Fotograf spürbar erleichterte. Zu Interessenten gehörte da auch schon die internationale Fachpresse.


Schleuters Album vom Klassiker in Pukekohe, Neuseeland

Wegen seiner Fotografentätigkeit im Motorsport war er viel unterwegs, und zwar im Ausland mindestens so viel wie auch in Deutschland: Reisen in die USA zu diversen Rennstrecken und dem berühmten Bonneville-Salzsee in Utah gehörten dazu, wie auch schon einmal Reisen ans andere Ende der Welt. Etwa nach Neuseeland, zum Klassiker in Pukekohe, wo 2007 in 43 Klassen „nur“ 1.364 Fahrer ausschließlich mit Viertaktrennmaschinen bis Baujahr 1972 an den Start gingen. Zu seiner zweiten Heimat fand er auf der Insel Man in der Irischen See, wo er in fünf Jahrzehnten nicht nur die Renngeschehen verfolgte, sondern auch noch viele Freunde gefunden hat. „Wer selbst das Tourist Trophy-Rennen auf der Insel noch nicht erlebt hat, soll sich zu dem Rennen nicht wertend äußern“, erklärt er mir ausdrücklich als seine Meinung. Schließlich wird die TT – wie die Veranstaltung auch bezeichnet wird - wegen ihrer Gefährlichkeit seit Jahrzehnten kontrovers in der Rennsportszene diskutiert. Ohne Zweifel gehört die Rennstrecke von Anbeginn an zu den schwierigsten und gefährlichsten Rennstrecken der Welt, die schon über 150 Rennfahrern in ihrer über 100-jährigen Geschichte das Leben kostetet. Andererseits bedeutet auch heute noch ein TT-Sieg etwas ganz besonders. Bei Wikipedia-Artikeln über Motorradrennfahrern werden durchweg ggf. die TT-Siege immer noch zusätzlich zu den ggf. gewonnenen Weltmeisterschaften angezeigt.





Geoff Duke, Schorsch Meier und Regionald Armstrong.
Duke
(*1923) fuhr von 1950 bis 1959 aktiv Motorradrennen auf Benelli, BMW, Gilera, Norton und NSU. Dabei war er insgesamt sechs mal Weltmeister und dreimal TT-Sieger jeweils in der 500 ccm-Klasse.
Georg „Schorsch“ Meier
(1910–1999) betrieb aktiv Motorsport von Anfang der 1930er Jahre bis 1953, ab 1937 ausschließlich auf BMW. 1938 wurde er Europameister und bis 1953 insgesamt fünf mal Europameister. Obwohl er niemals Weltmeister wurde, war er wohl der bekannteste deutsche Motorradrennfahrer des 20. Jahrhunderts. Dazu trug insbesondere sein Gewinn der TT auf der Isle of Man im Jahre 1939 kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges bei. Er war der erste Nicht-Brite, der die 500er Klasse, die sogenannte Senior-TT bei der Tourist Trophy gewann. Das war damals im Motorsport ein Ereignis, das alles Andere in den Schatten stellte und von den Nationalsozialisten natürlich nach Kräften ausgeschlachtet wurde. Dennoch: Ohne den Zweiten Weltkrieg hätte Meier sich zum Weltklassefahrer weiterentwickeln können.
Armstrong
(1926-1979) fuhr in den Jahren von 1949-1956 aktiv Motorradrennen auf AJS, Velocette, Norton, NSU und Gilera. Dabei war er insgesamt 5 Vizeweltmeistertitel. 1955 gewann er auf einer 500 ccm Vierzylinder-Gilera die TT.
Das Foto entstand am 22.05.1966 bei der Eröffnung des Motodroms des Hockenheimrings, als die berühmten drei eine Ehrenrunde auf der Rückbank eines Cabrios um die Rennstrecke gefahren wurden.


In Bonneville war Karl Schleuter dabei, als Heinz Herz, der Sohn des legendären Wilhelm Herz die Rekordfahrt seines Vaters im November 2006 auf einer Replik nachfuhr


Schleuter im Gespräch mit Giacomo Agostini 2000 bei der TT. Agostini war Ehrengast und Schleuter trägt seine Fotografen-Ausrüstung. Schon in den 1960er Jahren war "Ago" sein Fotoobjekt und seitdem kennen sie sich auch.


Gabriele Agostini wurde 1974 von Schleuter portraitiert.
Wer kennt ihn schon? Gabrieles Bruder Giacomo kennt jeder
Foto: Karl Schleuter ©

Künstler und Geschichtenschreiber mit der Kamera

Karl Schleuter fotografierte von 1959 bis 1975 in Schwarz-Weiß. Die Filme entwickelte er selbst und erledigte die Dunkelkammerarbeiten einschließlich dem Vergrößern und der weiteren Bildbearbeitung im damals eigenen Labor. 1968 begann Schleuter zusätzlich zu den Schwarz-Weiß-Aufnahmen auch auf Farbdias zu fotografieren. Nebenher schoss er von 1977 bis 2006 auch noch Fotos auf Farbfilm.


Blick auf einige der mit System in Schränken untergebrachten Dias

2007 hörte er mit dem Fotografieren auf und machte kein einziges Foto mehr. „Letztendlich weiß ich auch nicht mehr wohin mit all den Fotos“, erklärt er mir. Auf meine Frage, über wie viele Fotos er denn in seiner Sammlung verfüge, kann er mir nur sagen, dass er sie nicht alle gezählt habe, es mögen etwa um die 70.000 sein, davon etwa 30.000 in Schwarz-Weiß. Etwa 2.500 wichtige Personen der Szene hatte er eigens porträtiert. Die Portraits befinden sich bei ihm in einer besonderen Sammlung. Während er mir das erzählt, öffnet er nach und nach einige Schränke und die Kassetten mit den Dias kommen zum Vorschein. Selbst die Schränke in seiner Küche dienen der Unterbringung seiner vielen Dias. Damit er zum Finden bestimmter Fotos nicht lange suchen muss, hat er seine Fotosammlung mit System katalogisiert. Wenn jemand also ein bestimmtes Foto aus dem Motorradrennsport benötigen sollte, dann kann er in der Regel bei Karl Schleuter fündig werden - auch heute noch. Wer immer eines seiner Fotos in Druckstücken verwendet muss ihm ein „Belegexemplar“ des Druckstückes überlassen. Die sammelt Schleuter alle in einem Bücherregal. Beachtlich viele Bücher haben sich dort im Laufe der Zeit angesammelt, und das in allen wichtigen Sprachen der westlichen Welt. Einmal mehr bin ich beeindruckt. Mit Schleuter sitze ich zusammen quasi mitten in seinem Fotoarchiv. Für die Motorrad-Rennsport-Szene beinhaltet dieses wahrhaft meisterliche Schätze. Als ich Schleuter diese meine Gedanken vortrage, hält er einen Moment inne und erzählt mir sodann, dass er auch schon für den sicheren Verbleib des Archives gesorgt habe, wenn er eines Tages einmal nicht mehr sein werde. Ich frage nicht weiter nach.

Schließlich nehmen wir an seinem Wohnzimmertisch Platz und er erzählt mir die nachfolgenden 90 Minuten fortlaufend von seinen Erlebnissen in der Rennsportszene.


Karl Schleuter hat zahllose Dokumente und Erinnerungsstücke von seinen Erlebnissen ...


... in mehreren Alben mit System zusammengefasst . Das Foto zeigt Schleuter beim Dolmetschen während der Siegerehrung 1967


Der junge Klaus Enders 1963 am Beginn seiner sehr erfolgreichen internationalen Rennfahrer-Karriere. Insgesamt errang Enders sechs Weltmeistertitel und wurde vier mal TT-Sieger.
Das Foto wurde einem von Schleuters Autogramm-Alben
entnommen, in denen zu jedem Autogramm selbstverständlich ein von Schleuter geschossenes Portrait zu finden ist
Foto: Karl Schleuter ©


Derselbe Klaus Enders 1970 nunmehr gerüstet für den Renneinsatz
Foto: Karl Schleuter ©


TT 1966 Ginger Molloy aus Neuseeland auf ein superschnellen 250er Bultaco
Foto: Karl Schleuter ©


Schleuter im Gespräch mit der Rennfahrerlegende Tarquinio Provini, der 1957 Doppelweltmeister wurde, und zwar in der 125er Klasse auf Mondial und in der 250er Klasse auf MV-Agusta


TT 2007 Schleuters letzter Foto-Einsatz. Schleuter ist am grünen Hut vorne links erkennbar


TT 2007. Inzwischen müssen auch die Fotografen hinter die Schranken


TT 2007. Abschied auch von den Freunden der Polizei


Auch 20133 erscheint Karl Schleuter noch zusammen
mit den Großen des Motorradrennsport. Das Foto zeigt
die Rückseite der Zeitschrift KlassikMotorrad, Heft 4/2013,
die aus einer Werbeanzeige besteht.
Das Foto entstand bei der Bikers´Classics 2007 in
Spa-Fancorchamps
(bitte anklicken)



Danke Karl Schleuter

Am Ende dieses sehr persönlichen Portraits danke ich Karl Schleuter für die Bereitschaft, Offenheit und Geduld, sich auf mich einzulassen, auf meine vielen Fragen und mein Anliegen, dieses Portrait im Internet mit zu veröffentlichen. Ich bin mir sicher, dass Schleuters Portrait nicht nur von Personen gelesen wird, denen er in seinem Leben persönlich begegnete oder denen sein Name ohnehin bekannt ist. Es wird auch junge Leser geben, die in seinen Geschichten ein Stück Geschichte wiederfinden.

Heute ist die Welt in vielen Dingen ja schon so anders, aber bunt und vielgestaltig war sie schon immer.





Swisttal, im Mai 2013

Hans Peter Schneider

Welcher Deutsche ist mehr mit der TT verbunden?

Eingangs war schon einmal die Rede von Schleuters sehr enger Beziehung zur Insel Man und hier im besonderen zur TT.

Als Karl Schleuter 2007 letztmals als Pressefotograf zur Insel fuhr, da war es zugleich der 50. Besuch einer Rennveranstaltung dort. Alleine die zahlen sind außerordentlich. Kein geringerer als der in der historischen Rennszene bekannte Niederländer Ferry Brouwer und eine gewisse Mrs. McNeil aus Douglas schlugen dem Department of Tourism and Leisure (Amt für Tourismus und Freizeit) Karl Schleuter als Preisträger für den "TT Loyalty Award". Dabei handelt es sich um eine Auszeichnung, die nur Persönlichkeiten mit einer sehr intensiven Beziehung zur Insel Man erhalten und die sich zugleich um die Insel verdient gemacht haben. Die vorgenannten 50 Besuche Schleuters zeugen für die intensive Beziehung und die Fotografentätigkeit sorgten für eine gute Publizität und somit besondere Verdienste. Klar, dass sich Karl Schleuter über diese Ehrung freute.


Ehrenvolle Einladung 2007
(Bild bitte anklicken)


2007 Karl Schleuter als Jubilar mit seiner Trophäe
neben dem Original der der Tourist
Trophy


Damit das Suchen einfacher wird: Schleuter im Bild vor Freddy Spencer, den er gerade fotografiert.

Navigator durch die Geschichte


01 Abenteuer mit Rudi Thalhammer

02 Wie der Deubel zum Hörner kam

03 Erlebnisse mit Rolf Steinhausen

04 Von Gespannen und einem R4 als Dienstfahrzeug

05 Der Garten des Gouverneurs

06 Mit der Rennsportszene verwachsen

07 Max Deubel auf der Briefmarke

08 Mit dem Astronauten Charles „Pete“ Conrad unterwegs

09 Weltrekordfahrt mit Herz

10 Freundschaft zu Mike und Michelle Duff

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Text: Hans Peter Schneider
Fotos: Karl Schleuter©, Archiv Karl Schleuter, Hans Peter Schneider


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