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Karl Schleuter -
einige Erzählungen aus seinem Leben als Pressefotograf

Über Karl Schleuters erste Begegnung mit Rolf Steinhausen

„Im Winter 1966/67 klingelt es an meiner Wohnungstür. Als ich öffne, steht dort ein junger Mann und stellt sich vor: „Steinhausen ist mein Name. Der Max Deubel schickt mich. Ich möchte Seitenwagen-Rennen fahren und will dazu von Gerd Selbmann das Gespann kaufen. Sie würden seine Adresse kennen und ich bitte Sie, mir diese zu geben!“ Ich antwortete darauf, dass das sinnlos sei, denn von dem Gespann würde er keine Schraube mehr finden. „Da ist alles weg, da ist alles jetzt Honda!“, sagte ich ihm. Dennoch beharrte Steinhausen auf der Adresse und ich wollte ihm diese natürlich nicht verweigern. Aber Selbmanns Haus in Muffendorf/Lannesdorf bei Bad Godesberg war nicht leicht zu finden. Deshalb sagte ich zu ihm, dass er das Haus alleine nicht finden würde, wenn ich ihm die Adresse so einfach nur gäbe. In jener Zeit wohnte ich noch in Siegburg-Mülldorf, etwa 14 km Luftlinie von Muffendorf entfernt. Selbmann hatte da sein Haus im Berghang zum Drachenfelser Ländchen hin. Ich schlug Steinhausen deshalb vor, in seinem Auto mit ihm gemeinsam dorthin zu fahren. Als ich mit ihm an seinem Auto eintraf, saßen und warteten darin seine Frau und sein Mechaniker Oliver mit Frau. Zu Fünft fuhren wir also los in Richtung Lannesdorf zur anderen Rheinseite. Der Weg führte unter Anderem über die B56. Rolf Steinhausen fuhr dabei aber mit einem Tempo, dass ich mir innerlich schon ernste Sorgen machte, ob wir an unserem Ziel auch heil ankommen. In Beuel schlug die Ampel schon relativ weit vor uns von Grün auf Gelb. Aber statt zu bremsen, was ich erwartet hatte, trat der Steinhausen noch mehr aufs Gaspedal und raste an der inzwischen schon roten Ampel vorbei. Ich dachte, dass das doch nicht wahr sein dürfe. Als wir die Mitte der Rheinbrücke erreicht hatten, überholte uns plötzlich ein Polizist auf dem Motorrad und hielt uns an. Dem war Steinhausens flotte Fahrweise im öffentlichen Straßenverkehr aufgefallen und nun sollte das Konsequenzen haben. Der Polizist verlangte die Zulassung und den Führerschein. Während Steinhausen noch in seiner Briefmappe herumsuchte, erhielt der Polizist aber einen Anruf per Funk und erklärte anschließend, dass er keine Zeit mehr habe und eiligst zu einem Unfall müsse. Die Sache sei schnell erledigt, wenn er, Steinhausen, 5,00 DM zahlen würde.

Im Weiteren solle er gefälligst die Geschwindigkeitsbegrenzungen beachten. Steinhausen nahm auch eiligst und zufrieden die 5,00 DM aus seiner Briefmappe, gab diese dem Polizisten und setzte die Fahrt in gemäßigtem Tempo fort. Im Auto sagte ich: „Herr Steinhausen, da hatten Sie aber Glück gehabt!“. Darauf Steinhausen: „Das kann man wohl sagen, denn ich habe gar keinen Führerschein!“ Das war also ein richtiger Knaller, von dem wir mit den 5,00 DM schön befreit wurden.

Schließlich fanden wir zu Gerd Selbmann, wo Rolf Steinhausen sich selbst davon überzeugen konnte, dass der sein bisheriges Gespann bereits verkauft hatte und ein neues Fahrwerk schon mit einem neuen Honda-Motor ausgestattet war.


Rolf Steinhausen im Frühsommer 1970. Zu der Zeit
begann er gerade internationale Rennen zu fahren


Josef "Sepp" Huber 1974. Mit ihm im Boot errang Steinhausen zwischen 1974 und 1977 seine größten Erfolge, darunter 1975
und 1976 jeweils den Weltmeistertitel

Steinhausen/Huber gewannen den Titel Fog-Beater

Zu Rolf Steinhausen, mit Sepp Huber Gespannweltmeister in den Jahren 1975 und 1976, hatte Schleuter eine gute und freundschaftliche Beziehung entwickelt. Weil die TT-Rennen auf der Isle of Man damals noch zur Motorrad WM zählten, fuhren auch Steinhausen/Huber auf der Insel. Schleuter konnte über seine vielfältigen guten Beziehungen den einen oder anderen Vorteil für Steinhausen einrichten, wozu auch die Vermittlung eines Werbevertrags mit der Motorrad-Kettenfirma REGINA gehörte.

Ein Abenteuer mit Steinhausen war der Abstecher von der TT zwischen Training und Rennen zu einer Show-Veranstaltung auf der Rennstrecke von Chimay ganz im Süden von Belgien. Der Rennveranstalter in Chimay hatte für Demonstrationsfahrten alle möglichen namhaften Fahrer eingeladen und dazu gehörte auch die aktuelle Seitenwagen-Weltmeister Rolf Steinhausen und Sepp Huber. Weil der Veranstalter in Chimay ein attraktives Startgeld anbot, wollten Steinhausen/Huber sich die Teilnahme in Chimay trotz des fast gleichzeitigen Renneinsatzes bei der TT nicht entgehen lassen. Glücklicherweise hatte Steinhausen am Tag der Fahrt in Chimay ein gewisses Zeitfenster vom Training am Freitag, dem 04.06.1976 bis bis zum Rennen am nachfolgenden Montag frühmorgens. Bei dem Ausflug nach Chimay musste alles ganz pünktlich, schnell und reibungslos ablaufen: Abflug nach Chimay am Samstag-Morgen und Rückkehr am Sonntag-Abend. Schleuter wurde deshalb von Steinhausen schon einige Tage vorher gebeten, „die Sache zu organisieren“. Der tat das denn auch, indem er einen Charterflug für drei Passagiere von der Insel Man nach Belgien und zurück mit einer Chesna besorgte. Der Flugplatz der Insel Man wurde täglich um 19:00 Uhr geschlossen. Man hatte aber Schleuter eingeräumt, falls es mit dem Rückflug absehbar später werden sollte, dann solle der Flugplatz darauf rechtzeitig per Funk hingewiesen werden, damit man sich für die verspätete Ankunft einrichten könne. Dadurch fielen dann aber auch Mehrkosten pro angefangene verspätete Stunde in Höhe von 35,00 britischen Pfund an. Schleuter hatte verstanden.

„Am Samstag Morgen starteten wir bei Regen und Nebel von der Insel Man“, erzählt Schleuter: „Beim Flug in Richtung Brüssel wurde über der Irischen See das Wetter schon besser. Die Landung auf dem belgischen Flugplatz war problemlos und ohne jeden Aufhebens. „Wir wurden auch von niemandem kontrolliert und es gab keinerlei Stempel oder Dokumente und unser Pilot ließ den Flieger stehen und fuhr mit zur Rennstrecke“.
Am Flughafen-Ausgang in Charleroi wartete bereits der Wagen der Rennleitung, um Steinhausen und seine Begleiter abzuholen. Die Rennstrecke lag etwa 50 km vom Flugplatz entfernt. Dort wurden sie vom Rennleiter begrüßt und gefragt, wo sie denn wohnen wollten. Sie entgegneten: „Etwas Anständiges!“ Das Hotel, wo man sie anschließend hin brachte, war direkt an einem Bahnübergang gelegen und daneben befand sich ein Spielcasino. Das gefiel den Dreien wegen des zu erwartenden nächtlichen Lärms gar nicht und der Fahrer chauffierte sie zurück zur Rennstrecke. „Ja, dann kann ich nur noch etwas Privates offerieren“, gab der Rennleiter zur Antwort. Als die Drei auf dem Weg dorthin waren, erfuhren sie vom Fahrer, dass es sich dabei um die Villa eines früheren belgischen Finanzministers handele. Bei ihrer Ankunft waren sie schon alleine vom äußeren Anblick des Anwesens sehr angetan und deshalb freudig gespannt auf das, was sie wohl im Inneren der Villa erwarten würde. Vor dem Haus war ein prächtiger Rolls Royce geparkt und als sie sich dem Eingang näherten, saß dort auf der Gartenterrasse Phil Read. Schleuter und Phil Read kannten sich da schon von vielen Rennen her. Deshalb dachte Schleuter für sich, dass sich das schon gut treffe und ging sofort hin zu Read und fragte ihn, ob er sie nicht am nächsten Morgen zur Rennstrecke in seinem Auto mitnehmen könne, weil dann der Fahrer der Renneitung nicht extra kommen müsse. Read lachte zunächst und verneinte anschließend die Frage, denn er habe nur im Vorjahr in der Villa gewohnt. Weil es ihm hier aber so gut gefallen habe, sei er nun hier erschienen, um dem Hausherren nochmals für die gute Unterbringung im letzten Jahr zu danken. In diesem Jahr wohne er wo anders, was auch der Grund sei, dass er die drei am nächsten Morgen nicht in seinem Auto mitnehmen könne.
Noch heute schwärmt Schleuter von der Unterbringung in der Villa, die „so wunderbar war, so wie in einem Traum. Die historische Ausstattung des Hauses war so umfangreich und spannend, dass wir gar nicht genug Zeit hatten, uns das alles in Ruhe anzuschauen. Und im Park stand uns ein Schwimmbad zur Verfügung. Wir lebten in dem Haus wie Gott in Frankreich“. Am nächsten Morgen holte der Fahrer der Rennleitung uns drei ab, während der Pilot am Flughafen abgesetzt wurde, um den Flieger für den Rückflug herzurichten“.

An der Rennstrecke war derweil ein Freund Steinhausens, Egon Schons aus Trier eingetroffen. Der hatte aus seiner Sammlung ein Renngespann mitgebracht, das er Steinhausen/Huber für die Demo-Fahrt quasi als „Ersatzgespann“ zur Verfügung stellte. Steinhausens aktuelles Renngespann wartete derweil ja auf der Isle of Man darauf, den nächsten Tag weitere WM-Punkte einzufahren. Das Ersatzgespann in Chimay war jedoch als „ausgesprochenen Gurke“ zu bezeichnen, weil der Motor nicht richtig lief, und zwar mehr auf drei als auf vier Zylindern. Vor den Demonstrationsfahrten der Motorradfahrer starteten die Autofahrer gleichfalls zu einer Demonstrationsfahrt, die sich jedoch beträchtlich in die Länge zog und Schleuters Zeitplan damit arg in Bedrängnis brachte: „Ich dachte an die 19:00 Uhr, wann der Flughafen auf der Insel schließen würde und auf den rechtzeitigen Funkspruch. Der Funk des Fliegers reichte aber erst ab der Entfernung Birmingham bis zum Flugplatz der Insel Man. Unser Pilot war schließlich schon voraus und wollte im Flugzeug auf uns warten. Ich indessen ging zum Rennleiter, wies den auf unsere zeitliche Not hin und ließ mir vorab das Startgeld für Steinhausen und seinen Beifahrer geben. Allerdings war der Rennleiter nicht bereit, zusätzliche 35 Pfund pro Stunde Verzögerung zum Startgeld zu zahlen. Ich unterrichtete den Rennleiter deshalb, dass wir rechtzeitig die Veranstaltung verlassen würden“, so Schleuter. Mit Steinhausen vereinbarte Schleuter einen Treffpunkt an der Strecke, der etwa auf der Hälfte der Runde nach dem Start lag. Endlich starteten Steinhausen/Huber zur Demorunde, die wegen der fehlenden Zeit jedoch nicht bis zum Ende gefahren werden konnte. Kurz vor dem Treffpunkt verließen Steinhausen/Huber mit ihrem Gespann die Strecke und fuhren über die Wiese zu Schleuter und Steinhausens Freund. Letzterer nahm das Gespann entgegen und Schleuter eilte mit Steinhausen und Beifahrer - die beiden waren natürlich noch in voller Rennmontur - von dort aus in Windeseile zum Fahrzeug, das sie zu ihrem Flugzeug bringen sollte. Um ein schnelles und sicheres Durchkommen zu gewähren, hatte Schleuter die belgische Polizei um eine Begleitfahrzeug gebeten. Diesen Dienst verrichtete ein Polizei auf einem Motorrad der Marke Harley Davidson. „Vom Auto aus erlebten wir die Fahrkunst des vorausfahrenden Polizisten mit seiner schweren Harley. Einige Male blieb uns dabei fast das Herz stehen, denn für solche Fahrmanöver war eine Harley gar nicht gebaut worden. Am Ende waren wir froh, dass der Polizist vor uns heil mit dem Motorrad am Flughafen ankam. So tollkühn wie der fuhr, hätte der mit einem geeigneten Motorrad auch schon bei der TT starten können“.

Am belgischen Flughafen erfolgten zum großen Erstaunen der Drei erneut keinerlei Kontrollen und es gab auch keinerlei Stempel in irgendwelchen Dokumenten. Steinhausen und sein Beifahrer zogen sich noch schnell um und dann stieg die Chesna auch schon in die Lüfte mit Kurs auf die Insel Man.

Kurz vor 19:00 Uhr und damit gerade noch rechtzeitig landeten sie bei Nebel und schlechter Sicht auf der Insel. Doch dann stellte sich ein neues unerwartetes Probleme ein: Unmittelbar nach dem Aussteigen warteten schon Zoll und Polizei auf die Drei. Aber Schleuter konnte den Offiziellen der Behörde gegenüber den Charterflug nicht belegen. „Von den belgischen Behörden hatten wir keine Stempel und keine Urkunden erhalten und das machte die Leute am Flughafen der Insel Man zunächst einmal stutzig. Zum Glück kam unser Pilot selbst von der Insel Man und half uns bei der Auseinandersetzung mit den Beamten. „Ich, als derjenige, der den Charterflug bestellt hatte, musste auch dieses Problem ausbaden. Am Ende konnte dann aber doch alles geklärt werden“, erinnert sich Karl Schleuter.

Die britische Presse berichtete am nachfolgenden Tag über Steinhausen/Hubers Exkursion von der Insel nach Belgien und zurück. Weil auf der Insel sowohl beim Abflug als auch bei der Landung Nebel herrschte und unter solchen Umständen der Flugplatz oft gesperrt bleibt, titulierte die Presse den Bericht mit „The Fog-Beaters“, was frei übersetzt so viel heißt wie die Nebel-Bezwinger. Den drei Deutschen war bis dahin nicht bewusst, dass die ganze Aktion auch unter diesen Gesichtspunkten bemerkenswert war.

Beim TT-Rennen am nächsten Tag wurden Steinhausen/Huber als Sieger abgewunken. Zudem hatten die beiden für Gespanne mit 23:13 Minuten bzw. 97,50 Meilen/Stunde einen neuen Rundenrekord aufgestellt und mit 01:10:26 Stunden bzw. 96,42 Meilen/Stunde gleichzeitig einen neuen Rennrekord für den kompletten Gespann-Lauf.




Startaufstellung der Gespanne zur TT 1976: (26) Maier/Wörner,
(8) Campbell/Campbell


Steinhausen/Huber im Tiefflug in der 700er Gespann-Klasse 1976. Beim Anbremsen am Button of Bray Hill hatte nur noch das Vorderrad Bodenkontakt. Das kostete den Beifahrer viel Kraft


TT 1976 Steinhausen/Huber mit dem 500er Gespann, von Dieter Busch entwickelt und mit einem König-Motor ausgerüstet, ging es um die Weltmeisterschaft. Die TT auf der Isle of Man zählte 1976 noch zur Weltmeisterschaft


Steinhausen/Huber auf TT-Sieg- und WM-Kurs. Die Startnummer 1 gebührte dem Weltmeister aus dem Vorjahr


TT 1976 Helmut Schillinger aus Leimen und Rainer Gundel aus Bayreuth mit ihrem ARO 500 Gespann im harten Wettbewerb mit Steinhausen/Huber. Das Gespann steht inzwischen im Classic Race Museum in Jammelshoven (ein Besuch dort ist immer lohnend)


TT 1976. Georg Neumann aus Murrhardt und Gerhard Lehmanns Gespann wurde ebenfalls von einem 500er König-Motor angetrieben


TT 1976 Gustav Pape und Franz Kallenberger, beide aus "West-Berlin", waren ebenfalls mit einem 500er König-Motor unterweges. Mitte der 1970er Jahre war die Ära der 500er BMW-Zweizylinder-Boxer-Motoren im erfolgreichen Renneinsatz vorbei


Steinhausen/ Huber werden als Sieger der 500er Gespannklasse abgewunken


Ein weiterer TT-Sieg für Steinhausen/Huber


Der zweite Platz ging an an Dick Greasley und Cliff Holland und der dritte Platz an Malcom Hobson und Mick Burns, alle auf Yamaha und aus Großbritannien Rolf Steinhausen errang insgesamt zwei TT-Siege

Wenn immer es Deutschen gelang einen TT-Sieg herauszufahren, dann waren es meistens die Gespannfahrer. Am erfolgreichsten war damit Siefgried Schauzu mit neun TT-Siegen

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Alle Fotos: Karl Schleuter ©

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