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Helmut „Speedy“ Clasen

Kriegskind


Da stand die Welt zumindest noch im Frieden. Das Foto stammt vermutlich vom Frühsommer 1936. Der noch nicht ein Jahr alte Helmut liegt im von seiner
Grußmutter geschobenen Kinderwagen. Daneben seine Eltern Willi und Hilde Clasen

Vorbemerkung

Klar, als Jahrgang 1935 gehört Helmut Clasen zur Generation der Kriegskinder. Der ganze Jahrgang war davon betroffen. Jeder hat und hatte dazu seine eigene Geschichte mit seinen ganz eigenen Erlebnissen, die den Menschen mehr oder weniger für den weiteren Lebenslauf prägten. Städtisches Leben gestaltet sich in vielen Bereichen ohnehin gänzlich anders als das Leben in einem bäuerlich geprägten Dorf, so wie sie etwa in den 1930er Jahren durchweg entlang des Vorgebirges zu finden waren. In der Stadt lebte man in der Regel in Wohnungen, die Teil von Mehrfamilenhäusern waren. Das Angebot von Kultur, Bildung und sozialen Kontakten war und ist in den Städten überaus vielfältiger als in den Dörfern, wo die Naturverbundenheit auch heute noch eine viel größere Rolle spielt.

Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung war die neue Strategie im Zweiten Weltkrieg. Hilter-Deutschland hatte damit angefangen gegen die Städte seiner westlichen Nachbarn bis hin nach England. Die westlichen Alliierten begannen deshalb bald, es den Deutschen gleichzutun. Die im Westen Deutschlands liegenden Großstädte waren deshalb die bevorzugten Ziele für die alliierten Bombenangriffe. Die rheinische Metropole Köln war deshalb bereits ab den 1940 zunehmend Ziel von alliierten Bomberverbänden, deren Angriffe mit der Fortdauer des Krieges immer heftiger wurden.

Typisch für die Zeit war, dass man nicht gerne von den schrecklichen Erlebnissen des Krieges berichtete. Allgemein war man froh, dass dieser vorbei war. Für das Seelenheil schien es damals allgemein ohnehin besser, wenn man nach vorne schaute. Die „Suche nach der neuen Zeit“ fand in den Glücksmomenten statt, die sich im Satt-Essen, in den Gefühlswelten von Heimatfilmen und Schlagermusik und natürlich in den Erfolgserlebnissen der Wirtschaftswunderjahre fanden. Mit dem für viel totalen Neuanfang nach 1945, mit der sogenannten „Stunde Null“ wollte man die schlimme Geschichte möglichst schnell und gründlich hinter sich bringen. Deshalb wurde wohl in den 1950er und 1960er Jahren in den nachkriegsdeutschen Familien nur in begrenztem Rahmen thematisiert. Man beschränkte sich auf das, was inzwischen alles möglich ist und was es von dem „im Krieg nicht gab“. Erst die nach 1970 geborenen Jahrgänge fragen nach 1990 zunehmend Ihre Eltern und Großeltern danach, was denn in den Jahren bis 1945 in ihrem unmittelbaren Umkreis alles geschah. Eine Aufzeichnung dieser Berichte ist in der Regel nicht erfolgt. Inzwischen nimmt die Zahl der wenigen heute noch lebenden Zeitzeugen dramatisch ab.

Umso mehr freue ich mich, dass die 1965 nach Kanada ausgewanderte Motorradsport-Legende Helmut Clasen bereitwillig und offen seine ganz persönliche Geschichte aus der Zeit hier zu schildern bereit ist.

Für Helmut Clasen brachte der Krieg einige besonders dramatische Weichenstellungen für seinen weiteren Lebensweg. Um seine Geschichte besser zu verstehen, setzen wir hier schon vor seiner Geburt bei der Geschichte seiner Eltern ein. Seine Mutter, sein Vater und sein späterer Stiefvater waren bereits vor der NS-Zeit durch eine sehr innige Freundschaft verbunden. Helmut Clasen bezeichnet diesen Personenkreis deshalb als das „Kleeblatt“.
Über schriftliche Aufzeichnungen und Dokumente aus der Zeit verfügt Helmut Clasen nicht mehr. Die Umstände im und kurz nach dem Krieg machten es nicht möglich viele Dokumente durch die Zeiten zu retten. Nur einige wenige Fotos sind noch vorhanden.
Die nachfolgende Geschichte wurde deshalb auf der Grundlage der Erinnerungen Helmut Clasens verfasst, teils von selber Erlebtem und teils von dem, was ihm später seine Mutter und sein Stiefvater berichteten.

Dank an dieser Stelle gilt nicht nur Helmut Clasen für seine Offenheit und seine Nachforschungen in den eher dürftigen Familienunterlagen, auch dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln und hier ganz besonders Herrn Ibrahim Basalamah gilt es hier ausdrücklich zu danken. Die Geschichte war eigentlich schon fertig und ich benötigte nur noch einige Fotos, die sich auf der Homepage des NS-Dokumentationszentrums boten. Meine Anfrage verband ich mit einem Link zur „Baustelle“ der bereits geschriebenen Geschichte. Nachdem Herr Basalamah Helmuts Geschichte und die seines Stiefvaters gelesen hatte, begann er selbst in den ihm zur Verfügung stehenden Archiven zu forschen und überraschte uns alle, also auch die Familie Clasen, mit weitergehenden, bis dahin unbekannten Informationen zu Helmut Clasens Stiefvater aus der NS-Zeit von vor dem Krieg. Dementsprechend schrieb ich die bereits fertige Geschichte gerne nochmals um.

Swisttal, im September 2020
Hans Peter Schneider


Helmuts zukünftige Eltern Hilde Schawaller und Willi Clasen kurz vor der Hochzeit


Willi Clasen 1939 in Luftwaffen-Uniform

Das „Kleeblatt“

Helmuts Vater Willi Clasen war ein echter Kölner, Jahrgang 1913, hatte noch einen jüngeren Bruder mit Namen Hans Rolf und sollte eines Tages den Sanitär-, Heizungs- und Schlossereibetrieb seines Vaters in Köln übernehmen. Dann gab es da noch seinen sehr engen Freund, den gleichaltrigen Reinhold Steinbach, Architektur-Student und die mit beiden sehr eng befreundete Hilde Schawaller, die 1916 in Bottrop geborenen wurde.
Diese drei trafen sich in Ihrer Freizeit regelmäßig, machte gemeinsam Dieses und Jenes und tauschten stundenlang Gedanken und Meinungen über die bewegenden Dinge der Welt aus. Schon in den späten 1920er Jahren beobachteten die drei mit Sorge, was sich an braunen Geist in Deutschland breit machte. Sie traten deshalb den „Roten Falken“ bei, die eine ausgesprochene Gegenorganisation zu den nationalsozialistisch geführten Organisationen darstellte und mit der damaligen KPD sympatisierte. Die Kommunisten waren die damals gewichtigste Gegenbewegung zum Nationalsozialismus. Bei diesen fanden sich „Kampfgefährten“, die den größten Mut hatten, Aktionen gegen den NS-Staat auch in die tat umzusetzen. Auch nichts vollends vom Kommunismus überzeugte Zeitgenossen waren dieser Gemeinschaft mit ihrem Widerstand zielführend nicht alleine. Die heute noch existierenden „Roten Falken“ sind als Vereinigung eine typische Gründung aus der Zeit der Reformbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Pate stand dabei auch die Arbeiterbewegung mit all ihren sozialistischen Idealen. Auf dem Programm stand „sinnvolle Freizeitbeschäftigung“ für junge Menschen, die aus attraktiven Ausflügen, Zeltlagern und Gruppenstunden bestand.

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, wurden die „Roten Falken“ verboten. Helmuts Vater Willi Clasen engagierte sich als potenzieller Betriebsnachfolgen da schon verstärkt um das Unternehmen seines Vaters. 1934 heiratete er Hilde Schawaller.
1935 wurde Helmut Clasen geboren und ein Jahr später Helmuts Schwester Rosemarie.
Das Unbehagen gegenüber der braunen Regierung
blieb bestehen. Die vielen abendlichen und stundenlangen Gespräche der drei mündeten nicht selten in der Verzweiflung. Insbesondere Reinhold Steinbach, der sehr intelligent, sprachbegabt und als lediger Student in vieler Hinsicht ungebundener war als Willi, macht sich nicht nur sehr viele Gedanken darüber, wie und was an Widerstand geleistet werden könnte. Mit Freunden der Roten Falken setzte wurden trotz aller Gefahren Aktionen geplant und in die Tat umgesetzt.

Willi Clasen, Helmuts Vater, musste bei allem Unwillen gegenüber dem NS-Regime auch an die Verantwortung für seine junge Familie denken.

Familie Clasen zum Kriegsbeginn

Im September 1939 begann der Krieg und Willi Clasen wurde kurze Zeit später zum Dienst an der Waffe eingezogen. Helmut war da noch keine fünf Jahre alt. Wegen seines Berufes, seiner Familie und der Einbindung in den handwerklichen Betrieb seines Vaters, fand Willi zur Freude seiner Familie seinen Einsatzhort jedoch nicht sehr weit weg von Köln „auf dem Feldflughafen Euskirchen“, wie Helmut später berichtet, dabei handelte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den Flugplatz Odendorf, der beim Westfeldzug 1940 strategische Bedeutung fand. Hier war Willi vornehmlich als Chauffeur für die Offiziere tätig. Einmal nahm er sogar seinen Sohn Helmut mit zum Feldflugplatz und fotografierte ihn dort als kleinen Soldaten, wie dieser stolz das Gewehr seines Vaters festhält.

Reinhold wurde indessen aufgrund seiner geringen Körpergröße von 1,55 m vom Wehrdienst freigestellt. Er wohnte nach wie vor bei seinen Eltern in der Altstadt, traf sich derweil zunehmend mit weiteren Widerständlern konspirativ in Kölner Kellern, wo man Flugblätter mit regierungskritischen Inhalten und Widerstandsaufrufen verfasste, die sodann heimlich in der Stadt unter die Bevölkerung gebracht wurden.
Willi indessen nahm Rücksicht auf das Wohl seiner Familie und neben seinem Dienst auf dem Luftwaffenflugplatz gab es da ja auch noch den elterlichen Betrieb, bei dem er als potenzieller Nachfolger immer wieder hineinschauen musste. Eine Teilnahme an Widerstandsaktionen kam für Willi deshalb zwar nicht in Frage, gleichwohl blieb er regelmäßiger und vertraulicher Gesprächspartner für Reinhold Steinbach. Immer wenn Willis Offizier es gut mit ihm meinte, dann durfte er auch schon einmal mit dem Dienstwagen privat bis nach Hause zur Familie in seiner Dachwohnung in der Antwerpener Straße fahren. Die Fahrtzeit betrug dann weniger als eine Stunde. Die Fahrt mit der Bahn dauerte dagegen wegen des vielen Umsteigens über zwei Stunden und lohnte sich deshalb für einen Abend und eine Nacht nicht. Bei diesen Gelegenheiten wurde auch immer sein „Kleeblatt“-Freund Reinhold informiert, der anschließend zu langen und ausgedehnten Gesprächen zu Besuch bei den Clasens weilte.

Schicksalhafter 1. März 1940

Zu einem solchen Besuch bzw. Treffen des „Kleeblattes“ kam es auch am 1. März 1940. Bei der Gelegenheit zeigte Willi seine Dienstpistole, die er stets bei sich trug. Dabei löste sich ein Schuss, der unglücklicherweise Willi tödlich im Kopf traf. Die Kinder schliefen zu der Zeit schon und wurden zum Glück nicht Zeugen dieses Ereignisses.
Im selben Augenblick, als Hilde und Reinhold die Polizei über das
Unglück informierten, gaben die Sirenen der Stadt Fliegeralarm und Hilde musste mit ihren Kindern in den Luftschutzkeller. Indessen wurde der in der Wohnung noch anwesende Reinhold zunächst einmal von der Polizei verhaftet und abgeführt.
Die Ereignisse griffen ineinander.
Helmuts Vater lebte von jetzt auf gleich nicht mehr, der väterliche Freund war deshalb verhaftet und der Rest der Familie wartete das Ende des bis dahin schwersten Luftangriffes auf Köln im Luftschutzkeller ab. Es war einer der ersten Bomben-Angriffe auf Köln. Die Kölner hatten bis dahin solches noch kaum erlebt. Die Furcht und die Angst um Leib, Leben, Hab und Gut war schon groß. Für Helmuts Mutter gehörte der Tag zu den schwärzesten in ihrem Leben.
Wenigstens stellte die Kriminalpolizei nach wenigen Tagen kein Fremdverschulden am Tod von Willi Clasen fest und Reinhold wurde daraufhin auf freien Fuß gesetzt. Erst viel später wurde ihm bewusst, dass mit der Verhaftung über Ihn bei der Polizei und damit auch bei der GESTAPO einmal mehr eine Karteikasten-Akte angelegt worden war. Wer in einer solchen Karteikarte gelandet war, der war für die Zukunft im Netz der GESTAPO gefangen.

Wegen seines damals noch zarten Alters von viereinhalb Jahren, erinnert sich Helmut heute selbst nur noch an die Beisetzung seines leiblichen Vaters, die mit militärischen Ehren und Salutschüssen aus Gewehrsalven erfolgte. Nach knapp fünf Jahren bestand damit die junge Familie im Frühjahr 1940 nur noch aus einer Kriegswitwe und zwei Halbwaisen.


Helmut Clasen 1940 bei einem Besuch am Einsatzort seines Vaters vermutlich am Flugplatz in Odendorf, nicht weit von Euskirchen


Willi Clasen in einer Abwehrstellung am Flugplatz


Christbäume“ über Köln und Flakscheinwerfer, um 1940/42.
Foto: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Fotograf unbekannt


Aufräumarbeiten in der Kölner Domstraße nach einem Bombenangriff im September 1941.
Foto: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

Helmut Clasens spätere Stiefvater
Reinhold Steinbach als aktiver Widerständler

Vor dem Krieg
Akteneinträge zu Aktionen und Verurteilung

In der oben bereits geschilderten Geschichte des „Kleeblatts“ muss nun noch ein Nachtrag erfolgen.
Dank der Unterstützung des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, ausgelöst durch eine Anfrage zur Verwendung einiger Fotos ergaben sich auch für Helmut Clasens Familie bisher unbekannte Sachverhalte, die sich aus einer Auswertung von Akten aus dem Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen in Münster, ergaben und die sich ausschließlich auf die Ereignisse von vor dem Krieg beschränken. Von den nachfolgend von Helmut Clasen geschilderten Ereignissen während des Krieges war auch dem NS-Dokumentationszentrum bis zur vorliegenden Geschichte nichts bekannt. Die entsprechenden Akten aus der Kriegszeit sind entweder infolge von Bombardements oder durch systematische Aktenvernichtung der Gestapo zum Kriegsende untergegangen. Aus den vorhandenen Akten des vorgenannten Landesarchivs ergeben sich deshalb folgende Sachverhalte:

Gemeinsam mit seinem Verwandten Jakob Piehl, erstellte Reinhold Steinbach „kommunistische“ Flugblätter gegen das Naziregime und verbreitete diese. 1934 hatte Reinhold zweimal größere Mengen Papier besorgt, und zwar insgesamt 1.500 Blatt. Vermutlich wurde auf einem Teil davon das Flugblatt „SA-Mann Kruse erzählt“ auf einem Abziehapparat „Rotari Vervielfältiger“ mit einer Auflage von 200 Exemplaren im Keller seiner Eltern produziert. Reinhold Steinbach wurde als Verfasser des Flugblattes ausgemacht. Am 27. August 1935 erließ das Amtsgericht Köln Haftbefehl gegen Reinhold Steinbach. Er wurde verhaftet und kam zunächst im Kölner Gefängnis Klingelpütz in Untersuchungshaft. Am 31. Dezember 1935 erhob der Generalstaatsanwalt in Hamm Anklage wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“. Am 17. März 1936 wurde er schließlich vom Oberlandesgericht Hamm zu einer Strafe von zwei Jahren und acht Monaten Zuchthaus verurteilt. Die drei Monate der Untersuchungshaft wurden ihm auf die Strafe angerechnet. In welchem Zuchthaus er untergebracht war, ist nicht bekannt.
Helmut Clasen erinnert sich heute noch daran, wie sein Stiefvater einmal erzählte, dass noch vor dem Krieg ein Verwandter von ihm per Haftbefehl gesucht wurde, sich aber noch selbst erhängte, bevor die Gestapo ihn zu fassen bekam.

Eine eigene Erinnerung an alle diese Ereignisse hat Helmut Clasen nicht mehr, im zarten Alter von noch nicht einmal zwei Jahren war es ihm ja auch nicht möglich, diese bewusst mit zu erleben. Danach hatten offenbar sowohl seine Mutter als auch sein späterer Stiefvater, warum auch immer, sich zu diesen Ereignissen sehr weitgehend ausgeschwiegen.

Die totale Diktatur der Nazis war hervorragend organisiert und ließ nicht den geringsten Hauch von Kritik oder gar Widerstand zu. Die Verbreitung von Flugblättern mit dem NS-System nicht genehmen Inhalt wurde schon als Bedrohung für den Staat gesehen und massivst bekämpft. Die Strafen war vor dem Krieg schon drakonisch bis tödlich.
Nach seinem Zuchthaus-Aufenthalt war es Reinhold Steinbach nicht mehr möglich, sein Studium in Zeiten der NS-Herrschaft abzuschließen.

Während des Kriegs
GESTAPO-Haft im EL-DE Haus
mit folgenschweren Konsequenzen

Reinhold Steinbach war ein wagemutiger junger Mann. Trotz seiner mehrjährigen verbrachten Strafe im Zuchthaus konnte und wollte er nicht seinen Widerstand gegen den NS-Staat einstellen. In Köln bildeten sich weitere Widerstandsgruppen, die sich teils trafen und gemeinsame Aktionen planten und durchführten. So fand Reinhold auch Kontakt zur Gruppe der „Edelweißpiraten“. Man traf sich sich konspirativ, war sich einig in den ablehnenden Werten gegenüber dem Regime, plante und setzte Aktionen in die Tat um. Der intelligente und sprachbegabte Reinhold setzte sein Talent gewiss für die Verfassung von Flugblättern ein. Was genau er schrieb, ist heute nicht mehr bekannt. Seine Freund von den Edelweißpiraten verfassten simplere Texte, die dafür schnell gelesen und eingängig waren.
Überliefert von diesen sind z. B.:

Macht endlich Schluss mit der braunen Horde!
Wir kommen um in diesem Elend. Diese Welt ist nicht mehr unsere Welt. Wir müssen kämpfen für eine andere Welt, wir kommen um in diesem Elend.“

So braun wie Scheiße, so braun ist Köln. Wacht endlich auf!“

Für die GESTAPO stellten solche Texte eine besondere Provokation dar (Siehe Wikipedia, Stichwort „Edelweißpiraten“).
Auch heute noch gibt es keine Diktatur in dieser Welt, die Witz oder Kritik erträgt. Im NS-Staat galt diesbezüglich die
Null-Toleranz“. Im Laufe des Krieges wirkte sich jeglicher Widerstand zunehmend tödlicher aus.

Eines Tages, es muss 1942 gewesen sein, war Reinhold wohl übermütig, erstieg einen Turm des Kölner Doms, um von diesem aus mehrere Bündel kritischer Flugblätter aus hoher Höhe über ein relativ weites Gebiet vom Winde verteilen zu lassen. Die Aktion war gleichwohl effektiv wie gefährlich. Konnte sie doch der Öffentlichkeit und damit Denunzianten und Spitzeln kaum verborgen bleiben. Als er nach getaner Tat wieder im Treppenhaus des Doms unten ankam, wartete dort bereits die GESTAPO auf ihn und nahm ihn fest.

Man brachte ihn ins EL-DE-Haus, am Appelhofplatz 23-25, wo die Gestapo damals Ihren Sitz hatte und ihre Schreckensherrschaft über Köln ausübte. Im Keller dieses Hauses steckte man ihn in eine der berüchtigten Zellen. Immer wieder wurde er verhört und nach weiteren „Komplizen“ befragt. Und weil er nicht die geforderten Antworten gab, wurde er in niederträchtigster Weise gefoltert, tagelang und wochenlang. Von den GESTAPO-Methoden haben viele andere Zeitzeugen berichtet; Reinhold Steinbach wird es in gleicher Weise ergangen sein. Später nach dem Krieg spricht er nicht gerne über diese Dinge, die so grausam für ihn waren. Die im EL-DE-Haus erfahrenen Schmerzen, psychische und physische, werden ihn für den Rest seines noch jungen Lebens begleiten.

Nach der GESTAPO-Haft sollte er in ein KZ überführt werden. Auf dem Messegelände in Köln-Deuz war in der Zeit ein Außenlager des KZ-Buchenwald eingerichtet.

Anfang der 1940er Jahre steckte man Regimegegner noch als politische Gefangene ins KZ, doch schon 1943 machte sich der NS-Staat solche Umstände nicht mehr, man bevorzugte den „kurzen Prozess“ mit Regimegegnern. So wurden die ebenfalls aufgrund einer Flugblattaktion verhafteten Geschwister Scholl 1943 in München nach kurzem Prozess und Todesurteil durch den Volksgerichtshof und dem dort tätigen „Blutrichter“ Roland Freisler hingerichtet. Am 10. November 1944 erhängte die GESTAPO in Köln-Ehrenfeld in aller Öffentlichkeit 13 Regimegegner, darunter 6 Jugendliche, die zeitweise den „Edelweißpiraten“ angehörten, ohne Gerichtsurteil, was nach heutigem Rechtsverständnis einem Mord gleichzusetzen ist. Insgesamt ist die Gestapo im EL-DE-Haus unmittelbar für 788 Tote verantwortlich, die in der Regel nach heutigem Rechtsverständnis als Mordopfer zu betrachten sind.

Reinholds Flucht beim Minenräumen

Zur Überführung ins KZ kam es für Reinhold Steinbach aber nicht mehr, weil Rommels Afrika-Corps KZ-Häftlinge für Minenräumarbeiten benötigte. Minenräumungen mussten aus strategischen Gründen sehr schnell von statten gehen. Dementsprechend nutzte man in menschenverachtender Weise KZ-Häftlinge. Reinhold Steinbach erzählt später seinem Stiefsohn Helmut, dass siein dichten Kettenlinien über die Minenfelder laufen mussten“, um alle Minen zu finden und zu entschärfen. Aber nicht alle Minen wurden gesehen und die Überlebenschance dieser Minenräumer war ausgesprochen gering. Reinhold wurde unter Zwang diesem Kommando in Afrikas Norden zugeführt.

Lange währte seine Minenräumertätigkeit jedoch nicht. Mit einigen wenigen Kameraden war er durch ein Minenfeld gelaufen, ohne Minen zu finden. Aber sie rannten immer weiter und die Bewacher trauten sich nicht, ihnen durch das Minenfeld zu folgen. Nach einiger Wegstrecke trafen Sie auf eine Gruppe Nomaden, vermutlich Tuareg, die die entflohenen Gefangenen zunächst bei sich aufnahm und versteckte.
Das ging so lange, bis bekannt wurde, dass in Algerien ein französisches Gefangenenlager für Deutsche
eingerichtet worden war. Vermutlich handelte es sich hierbei um das Lager in Geryville. Einvernehmlich wurden Reinhold und seine Freunde vermutlich 1943 dorthin gebracht. In dem Gefangenenlager verbrachte Reinhold die Zeit bis zum Kriegsende und auch darüber hinaus, also insgesamt mehrere Jahre. Die Überlebenschance im französischen Gefangenenlager war jedenfalls höher als im KZ oder als Minenräumer im Kriegseinsatz.


Im ehemaligen EL-DE Haus, am Apellhofplatz 23-25, in Köln war in der Zeit des Nationalsozialismus die Kölner Gestapo untergebracht war. Dort wurde in der Zeit gefoltert und gemordet. Es war in Köln das Haus des Schreckens schlechthin. Heute befindet sich darin das sehr sehenswerte NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln
Foto aus 2016 von: Joern Neumann, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln


Zwei Vervielfältiger, wie sie vor dem 2. Weltkrieg im Einsatz zu finden waren
Foto: Auktionshaus www.lotsearch.de


Gedenkstätte Gestapo-Gefängniszellen im EL-DE Haus-Keller
Foto: Rheinisches Bildarchiv/Marion Mennicken


Gedenkstätte Gestapo-Gefängnis im EL-DE Haus-Keller. Eine der noch heute an einer der Zellenwände zu lesenden Inschriften; hier des Gefangenen Askold Kurow „Hier bei der Gestapo haben zwei Freund gesessen aus dem Lager Messe seit dem ...“
Foto: Rheinisches Bildarchiv/Marion Mennicken


Blick in den Hausbunker der Gestapo im Tiefkeller des EL-DE Hauses
Foto: Rheinisches Bildarchiv/Marion Mennicken

Familie Clasen während des Kriegs - Schwere Zeiten für Kölner

Der Bombenterror gegen die zivile Stadtbevölkerung war Teil der alliierten Kriegs-Strategie. Zugleich war es die Reaktion auf die Aggression von NS-Deutschland gegen seine europäischen Nachbarn. Als ab 1940 die Bombenangriffe insbesondere auf die im Westen liegenden deutschen Städte einsetzte, konnte das Görings Luftwaffe schon nicht mehr wirksam verhindern. Ab 1942 ging man auf alliierter Seite zu einem strategischen Einsatz der Luftstreitkräfte mit Flächenbombardements über.
In der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 setzte die Royal Airforce erstmals über 1.000 Bomber gleichzeitig zum Angriff auf Köln ein. Dieser Angriff ging als „Operation Millennium“ oder auch als „1000-Bomber-Angriff“ in die Schreckensgeschichte Kölns ein. Ausführliche Berichte
über diesen Angriff finden sich bereits reichlich in der Literatur oder beispielsweise in Wikipedia. Die Wohnung der Clasens hatte den Angriff ohne erhebliche Schäden überstanden. Aber erstmals waren quasi über Nacht Tausende Kölner obdachlos geworden. Diese kamen zu einem Teil noch bei Freunden und Verwandten in Köln oder in den Orten um Köln herum unter. Dennoch hatte die Stadtverwaltung das Problem, dass ein noch beträchtlicher Teil der „Ausgebombten“ in der Stadt und in der nahen Umgebung nicht halbwegs menschenwürdig untergebracht werden konnte. Insbesondere die vielen obdachlosen, Kinder, Witwen und Alte, die nicht arbeitsfähig waren, wurden ab der Zeit in entferntere Gebiete „evakuiert“. Auch machten die heftigen Bombenangriffe einen geregelten Schulbetrieb in der Stadt nicht mehr möglich. Ganze Schulklassen wurden deshalb im Rahmen der „Kinderlandverschickung“ in die wenig umkämpften Gebiete im Süden und im Osten Deutschlands gebracht.
Die Wohnung der Clasens hielt jedoch weiterhin allen Bombenangriffen glücklicherweise stand. Erst im Frühjahr 1943 wurde die aus Hilde Clasen, ihren Kindern Helmut und Rosemarie sowie ihrer
Mutter (Helmuts Großmutter) bestehende Familie komplett ins sächsische Colditz „evakuiert“. In Köln zählte man zu der Zeit schon 230.000 Obdachlose und Evakuierte. In Coldiz wurden Helmuts Schwester im April 1944 eingeschult und besuchte nun zusammen mit ihrem Bruder die örtliche Volksschule. Die Clasens fanden sich dort zusammen mit vielen anderen „Ausgebombten“ in der misslichen Situation, zu schauen, wie man kurzfristig zurecht kam. Langfristige Planungen in der Zeit gab es nicht, sie waren ohnehin sinnlos.

Die relativ bombenfreie Zeit in Colditz endete Mitte April 1945. Die Amerikaner hatten kurz zuvor die Stadt eingenommen und besetzt. Das sollte aber nur ein Intermezzo sein, denn gemäß der Konferenz von Jalta, im Februar 1945, sollte schließlich das von den Amerikanern eroberte Sachsen noch an die Sowjetunion abgegeben werden. In Colditz standen die Sowjettruppen bereits östlich des Flusses Mulde. Hilde Clasen wollte sich mit ihren beiden Kindern und ihrer Mutter in keinster Weise der Roten Armee ausgeliefert wissen. Mit der Unterstützung „guter Menschen“ gelang es ihnen kurzfristig in den Teil von Colditz umzuziehen, der westlich der Mulde in amerikanische Hand lag. Die Amerikaner brachte die geflüchteten Clasens zunächst in eine Sammellager zum Entlausen. Von dort aus fand sich schließlich ein Zug, der die Familie zurück nach Köln bzw. nach Köln-Kalk brachte.

Die Stadt erschien in ihrem Inneren total zerstört. Etwas außerhalb des Zentrums, dort wo auch die Wohnung der Clasens lag, schien das Ausmaß der Zerstörungen etwas geringer zu sein, als einen Kilometer weiter östlich in der Altstadt.
Insgesamt lebten von den ehemals 770.000 Einwohnern Ende 1944 noch 174.000 in Köln. Davon die meisten in Kellern, ohne Strom und ohne funktionierenden Wasseranschluss. Bis Anfang März 1945 ergreifen noch viele die Flucht, sodass die Einwohnerzahl bis dahin noch auf etwa 40.000 sinkt. Mindestens 20.000 Menschen starben infolge der Luftangriffe, von denen bis zum 2. März 1945 schließlich 262 gezählt wurden. Die Altstadt war beim Einmarsch der Amerikaner zu 95 % zerstörten. Von den etwa 70.000 Gebäuden die das gesamte Stadtgebiet in der Vorkriegszeit zählte, wurden 27.808 zu 60 % bis 100 % zerstört.
Hilde Clasen und Ihre Kinder stellen sie zu Ihren großen Freude
fest, dass ihre Wohnung in der Antwerpener Straße im Kölner Westen zu den wenigen gehörte, die nach wie vor bewohnbar war.
Die Kriegshandlungen waren zu Ende. Helmut
und seine kleinere Schwester Rosemarie hatten bis dahin ein Leben ohne Krieg noch nicht kennen gelernt.
Nun begann die Stunde Null, denn der Überlebenskampf war noch nicht zu Ende. Zwar hatten die Clasens eine brauchbare Wohnung, fürs Leben reichte das alleine noch nicht.




Einschulung der Schwester im sächsischen Colditz (erste Reihe, 2. v.l.) zusammen mit weiteren kölner Familien wurde auch die Kriegswitwe Hilde Clasen mit ihren beiden Kindern hier untergebracht, die dort die Schule besuchten
Foto: Archiv Helmut Clasen


Nach einem Bombenangriff, Köln um 1944/45. Besonders hart waren die Stadtbewohner von den zahlreichen und immer schwerer werdenden Bombenangriffen betroffen
Foto: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, Fotograf unbekannt



Zwischenruf

Tausendjähriges Reich

Das von Hitler heraufbeschworene „Tausendjährige Reich“ endete nach nur 12 Jahren. Diese 12 Jahren reichten aus, um der Welt insgesamt geschätzten 55 Millionen Tote zu bescheren, Abermillionen von „Krüppeln“ an Leib und Seele, Witwen und Waisen, die den Verlust von nahen lieben Menschen erleiden mussten. Insofern waren diese 12 Jahre immer noch viel zu lang.

Gerade wir Deutsche, die wir selbst Opfer und mehr noch Täter an diesem Unheil waren, müssen wachsam sein, dass sich solches in der Geschichte dieser Welt nicht wiederholt.
Deshalb ist die Erinnerung an diese Ereignisse so wichtig, auch wenn die letzten Zeitzeugen heute schon so alt sind.
Deshalb sollen wir auch nicht schweigen, wo immer in dieser Welt sich Tendenzen entwickeln, wie in den 1930er Jahren im Deutschen Reich.

Hans Peter Schneider

Stunde Null

Helmut Clasen erinnert sich hierzu vornehmlich an die Dinge, die ihm damals mit knapp 10 Jahren als wichtig erschienen: „… dass zurückkommende Soldaten meine junge Kriegswitwen-Mutter mit Wohnung umschwärmten. Einige sprachen dabei sogar von Heirat, was mich und seine Schwester jeweils in Panik versetzte“.

Der Alltag in der Trümmerwüste Köln eröffnete für die Kinder indessen einmalige Entdeckungs- und Spielmöglichkeiten, die heute kaum noch vorstellbar sind. Wie alle Jungs seines Alters faszinierte ihn natürlich alles was knallte, explodierte und mit dem sich schießen ließ. Es waren im Grunde gefährliche Spiele, die die Erwachsenen jedoch unter den gegebenen Umständen kaum hinreichend kontrollieren konnten.

Nachdem sein Vater schon am Anfang des Krieges gestorben war, lebte inzwischen auch der Vater seines Vaters, also sein Großvater nicht mehr. Den Sanitär-, Heizungs- und Schlossereibetrieb seines Großvaters, den sein Vater ursprünglich übernehmen sollte, lag nur in der Hand seines Onkels Hans Rolf Clasen.
Vielleicht weil die Familie ohne Vater war, entwickelte sich bei Helmut trotz seines zarten Alters von gerade einmal 10 Jahren schon das Gefühl, als Mann der Familie besonders in seiner Verantwortung gefordert zu sein. In diesem Sinne „arbeitete“ er in Diensten seines Onkels Hans Rolf, indem er aus dem Schutt noch brauchbares Metall für das Unternehmen suchte und sammelte.
Für den Tagesablauf waren jedoch die ständige Jagd nach Essbarem oder zumindest nach Sachen, „die sich auf dem Schwarzmarkt verhökern ließen“ sehr wesentlich. Begehrt bei den US-Soldaten waren Orden und Abzeichen der besiegten Deutschen. Im Gegenzug gab es Lucky Strike Zigaretten, die in der Zeit die harte Währung schlechthin
darstellten.
Er fand jedoch auch schon die Möglichkeit, sein technisches Verständnis, sein Geschick und seine Improvisationsgabe gewinnbringend für die Familie einzusetzen: „Von den beschädigten Autos in der ausgebombten Tiefgarage unserem Haus gegenüber entnahm ich die noch guten Batterien, alle 6-Volt Birnchen und so viel Stromkabel, wie möglich. Daraus baute ich in unserer Wohnung eine 6-Volt-Beleuchtung durch Birnchen, die ringsum an der Decke baumelten. Wenn die Batteriesäure sank, machte meine Mutter aus Kräutern Essig und ich füllte die Batterien damit auf. Oder wir Pänz (Kinder) fanden irgendwo noch eine gute Batterie, auch wenn anschließend das Auto nicht mehr laufen wollte“.

Böser Unfall der Schwester

Im Sommer 1948 gab es in Köln schon wieder so etwas wie Straßenverkehr. Neben den Autos der US-Streitkräfte auch Nutzfahrzeuge, denn dem Wiederaufbau der immer noch stark zerstörten Stadt und deren Wirtschaft galten fast alle Aktivitäten. So kam es, dass seine Schwester Rosemarie beim Überqueren einer Straßenkreuzung von einem Auto erfasst und dabei am Kopf schwer schwer verletzt wurde. Sie kam in eines der Kölner Krankenhäuser. In welches, weiß Helmut heute nicht mehr. Dort starb Rosemarie nach 10 Tagen, am 04. Juli 1948 im Alter von nur 12 Jahren. Später erfuhr Helmut, dass es im Krankenhaus nicht genügend Penicillin gab und man sein Schwester deshalb nicht retten konnte.



Reinhold Steinbach wird Helmut Clasens Stiefvater

Nur kurze Zeit später stand auf einmal Reinhold, ihr und ihres verstorbenen Mannes schon totgeglaubter alter Freund , vor der Wohnungstür. Es war die Überraschung, mit der Helmuts Mutter absolut nicht mehr gerechnet hatte. Die alten Freunde erzählten sich, wie es ihnen bislang ergangen war. Helmut hörte da erstmals die schreckliche und zugleich abenteuerliche Geschichte Reinholds, die schon lange zuvor so leicht mit seinem Tod hätte enden können. Man verstand sich gut und schon nach kurzer Zeit heirateten Hilde Clasen und Reinhold Steinbach.
Helmut erhielt damit einen Stiefvater. „Für mich als Kind war das die Erlösung, denn nun war endlich ein erwachsener Mann im Haus und ich hatte etwas mehr Zeit, meinen eigenen Interessen nachzugehen.“

Neue entspanntere Lebensumstände

Helmut besuchte in der Zeit die Mittelschule, die der heutigen Realschule entspricht. Diese wollte Helmut schnellstmöglich abschließen, um danach eine Lehre beim Fahrradhaus KÖTKE oder Engelbert Weis (ENG-WE Räder) beginnen zu können. Diese beiden Kleinbetriebe erlaubten Helmut schon in der Zeit, als er noch die Mittelschule besuchte, dass er ihnen bei der Arbeit zuschaute und hin und wieder anpackte durfte. In der örtlichen Nachbarschaft des Unternehmen seines Onkels fand sich damals das „Fahrradhaus Lindlau am Ring“. Das war allerdings schon so groß, dass man ihm solches Mitmachen dort nicht erlaubte. „Besonders bei Meister Fritz Kötke, der spezielle Rahmen für die Profi-Rennradfahrer baute, lernte ich viel von der Kunst des Rahmenbauens: Feilen, Schweißen Löten ... und kurz vor Weihnachten 1949 schenkte er mir, dem damals 14-Jährigen, genug Rahmenrohre, Muffen und was sonst noch zum „Rahmenpaket“ gehörte, mit dem ich mir meinen ersten eigenen Rennrahmen bauen konnte. Damit startete ich dann in der Klasse der 14- bis 15-Jährigen, nachdem ich schon 1948 als 13-Jähriger mit einem normalen Tourenrad an etlichen kleinen Rennen teilgenommen hatte. Damit fing meine Siegesserie im Radsport an, welche mich bis zur Olympiade 1956 ins australische Melbourne führen sollte. Aber dann kam mein Arbeitsunfall im Kaufhof in Köln dazwischen, der für mich mit einem zertrümmerten Fersenbein endete. Die Olympiateilnahme war damit trotz meiner Nominierung gestorben“:
Für längere Zeit sollte Helmut nach seinem Unfall Spezialschuhe tragen. Weil sein Onkel Hans Rolf den sportlichen Ehrgeiz Helmuts erkannte und selbst mit dem Motorrad Sport betrieb, schlug er ihm vor: „Wie wäre es denn mit Motorrädern? Da trägst du Stiefel“. Und so fing es dann an. … Die weitere Geschichte hierzu findet sich im nächsten Kapitel bzw. in der sehr beachtlichen Motorradsportgeschichte von Helmut „Speedy“ Clasen.

Umzug nach Rösrath

Reinhold Steinbach war fleißig. Einerseits verdiente er für die Familie schnell Geld, indem er Arbeiten annahm. Aufzubauen gab es in der Zeit noch sehr viel und mit seinem Bauingenieurstudium wurde er viel gebraucht. Nach Feierabend steckte er jedoch nicht weniger Fleiß, Energie und Disziplin in die Fortsetzung seines vor dem Krieg schon begonnenen Studiums, das er Anfang der 1950er Jahre so weit abschloss, dass er fortan als Architekt und Statiker den Unterhalt für sich und seine Familie verdienen konnte. Es dauerte dann auch nicht mehr lege, dass er sich „mit dem ersten als Architekt und Statiker verdienten Geld“ im wenige Kilometer südöstlich von Köln gelegenen Rösrath ein Baugrundstück kaufte. Zwar war in Helmuts Augen sein Stiefvater ein überaus „fleißiger Arbeiter, aber kein Kaufmann. Dafür sparte man in der Zeit jeden Pfennig“. Mit sehr viel eigener Muskelleistung sollte es schließlich 10 Jahre dauern, bis das neue Heim weitgehend fertiggestellt war. In der Zwischenzeit hatte Helmut auch noch zwei Halbgeschwister hinzu bekommen.

Die traumatischen Erlebnisse in der Zeit des Nationalsozialismus und hier insbesondere die Verhöre und Folterungen in der Gestapohaft im EL-DE-Haus verfolgten seinen Schwiegervater zeitlebens. Oft beklagte er sich über physische Schmerzen, die er auf die Folterungen zurückführte. Spannungen und Ärger im Beruf und in der Familie machten ihm deshalb mangels Widerstandskraft offenbar mehr zu schaffen, als dieses ohne diese schlimmen Erlebnisse gewesen wäre.
1981
Jahre starb Helmuts Stiefvater und in den 1990er Jahren seine Mutter.
Da lebte Helmut mit seiner eigenen Familie jedoch schon seit 14 Jahren in Kanada.



Eines der wenigen Fotos die Helmuts Stiefvater Reinhold Steinbach (2. v.r.) zeigen. Anlässlich von Helmuts Verlobung 1956 unterhält er sich mit Hans Rolf Clasen. Ganz links im Bild ist Helmuts Großmutter zu sehen, die bei ihrer Tochter Hilde bzw. in Helmuts Familie wohnte. Bei der zweiten Dame von links handelt es sich um Hans Rolfs Frau Lisbeth


Etwa 1954: Der Hausbau in Rösrath beginnt. Ganz rechts im Bild Helmut Clasen, in der Mitte Stiefvater Reinhold beim „Brunnenschlagen“; links die Tochter der zukünftigen Nachbarn


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Text: Hans Peter Schneider
Fotos: Archiv Helmut Clasen

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