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Die ersten Lebensjahre bestanden nur aus Krieg

Als der Zweite Weltkrieg im September 1939 begann, war Hans Adam Schmitz gerade einmal ein Jahr alt. An sein erstes Lebensjahr im Frieden kann er sich deshalb selbstverständlich nicht erinnern, wer kann das schon in einen solchen Lebensabschnitt.
Er war das erste von drei Kindern, um die sich vorrangig die Mutter kümmerte während der Vater als Berufsfeuerwehrmann bei der Stadt Köln für den materiellen Lebensunterhalt sorgte.

Zu Hause in Worringen

Die Familie lebte damals in einem von vielen kleinen Häusern in Worringen, einem der nördlichen Kölner Ortsteile, in der Straße mit dem Namen „In der Lohn“. Erst 1922 war Worringen Stadtteil von Köln geworden und bis in die 1960er Jahre zeigen viele Ortsansichten von Worringen mehr einen dörflich als einen städtisch Charakter.

Mit etwa dem vierten Lebensjahr setzt beim Menschen das Erinnerungsvermögen an konkrete Ereignisse langsam ein. Für Hans Adam war das im Kriegsjahr 1942. Der Krieg war da schon drei Jahre Alltag und kam inzwischen immer deutlicher in Worringen an. Luftangriffe alliierter Bomberverbände nahmen zu. Ziel waren vornehmlich die rheinische Metropole Köln in ihrem Zentrum, die Knapsack-Kraftwerke und die „Hermann-Göring-Werke“ (auch Union-Kraftstoff genannt), die in Wesseling aus Braunkohle Benzin herstellten. Am 30. Mai 1942 kam es zum Großangriff auf das Kölner Zentrum, er wurde „1000-Bomber-Angriff“ genannt. Der Großteil der Kölner hatte sich zu der Zeit bereits aufs sicherere Land zurückgezogen. Dennoch starben bei dem Angriff knapp 500 Menschen, 3.330 Gebäude wurden völlig zerstört und 9.510 weitere stark beschädigt. Die Kölner Innenstadt war damit in erheblichem Maße in Schutt und Asche gelegt worden. Für Hans Adams Vater bedeutete dieses Dauereinsatz bei der Feuerwehr an den Grenzen des Möglichen. Wegen der Randlage zu Köln war Worringen nicht bevorzugtes Ziel, dennoch richteten verirrte Granaten immer wieder leichte Schäden an einigen Gebäuden an. Mit der Zunahme der Bombereinsätze der Alliierten wuchs die Angst Bombentreffern und trat immer mehr neben die Angst um die jungen Männer aus dem Familien-, Freundes- und Nachbarkreis, die als Soldaten im Einsatz waren. Alles das erschloss sich dem damaligen Kleinkind Hans Adam jedoch nur zum Teil.

Eine konkrete Erinnerung reicht in das Jahr 1943, als gegenüber dem Wohnhaus der Familie Schmitz ein Luftschutzbunker gebaut wurde: „Etwa eine Stunde lang durften wir Kinder Ziegelsteine vom Mörtel befreien, dann wurden wir zum Spielen weggeschickt, wahrscheinlich, weil des den Erwachsenen nicht schnell genug ging, was wir mit Kinderhänden schafften.“ So direkt hatte er damals auch noch nicht verstanden, um was es bei diesem Bauwerk ging. Aber Hans Adam, der später einmal eine KFZ-Mechanikerlehre absolvieren würde, wollte damals schon immer alles genau wissen und so erklärte ihm eines Abends sein Vater die Bedeutung des Bunkers: Dass er zum Schutz vor den Bomben diene, dass die Wände und die Decke des Bunkers deshalb aus Beton seien, darüber noch Strohballen geschichtet und eine Ziegelsteinmauer errichtet und am Ende alles mit Erdreich bedeckt würde. „Wenn eine Bombe den Bunker treffen sollte, würde ein solcher Bunker die Bombenexplosion abfedern“, erklärte ihm sein Vater.

Die erste Bewährungsprobe für den Bunker ließ dann auch nicht lange auf sich warten. Kurze Zeit nach der Fertigstellung gab es im Ort Bombeneinschläge, nachdem die Flak einen Bomber angeschossen hatte und die Bomberbesatzung vorsorglich die Bomben außerhalb des Zielortes als sogenannten „Notabwurf“ über Worringen entsorgte.

1944 hatten die Bombenangriffe und damit auch die Luftalarme deutlich zugenommen. Hans Adams Vater verbrachte deshalb sehr viel Zeit im Feuerwehreinsatz in Köln. Die Familie indessen beeilte sich anfangs noch, nach jedem Luftalarm aus Sicherheitsgründen möglichst schnell in den Bunker zu gelangen. Da die Luftalarme jedoch deutlich zunahmen, suchte ab Jahresmitte die Familie zum Schlafen schon gleich den Bunker auf. Dennoch meinte eines Tages Hans Adams Onkel, ein Korbmacher, dass ja in Worringen nicht viel passieren würde und er fortan die Nächte lieber im Keller unter seiner Scheune verbringen wollte. Hans Adam bekniete ihn jedoch, den Bunker zusammen mit der Familie direkt aufzusuchen. Der Onkel gab schließlich dem intensiven Drängen seines kleinen Neffen nach. Und das war auch gut so, denn schon wenige Nächte später gab es eine heftige Detonation. Luftalarm hatte es keinen gegeben. Danach erschien der Bunkerwart und berichtete, dass eine Granate direkt neben Onkels Scheune eingeschlagen sei, dort ein riesiges Loch in die vordere Scheunenwand geschlagen hätte und auch in der hinteren Wand ein großes Loch sei. Der Luftdruck durch die Detonation der Granate war also gewaltig und alle waren nun froh, und ganz besonders der Onkel, dass man sich rechtzeitig in den Bunker begeben hatte. Der bei der Detonation entstandene Luftdruck wäre für einen in der Scheune verbliebenen Menschen gewiss tödlich gewesen.

Vom Bunker-Eingang aus hatte Hans-Adam einen Luftkampf beobachten können: „Zwei Messerschmitts und eine Spitfire kurvten am Himmel. Nach einiger Zeit stürzte die Spitfire ab, sie war von den beiden Messerschmitts abgeschossen worden. Am nächsten Tag hatten wir die Trümmer besichtigt, die keinen Kilometer entfernt, nahe dem Bahndamm der Linie Worringen-Dormagen lagen. Der tote Pilot war da schon geborgen worden“.

Kurz nach der der Einnahme Kölns am 06.03.1945 durch die US-Army, beobachtete Hans Adam fünf amerikanische Bomber, die am helllichten Tag bei wolkenlosem blauen Himmel in Richtung Ruhrgebiet flogen. Dann sah er eine Vielzahl kleiner schwarzer Wölkchen um diese Bombergruppe herum, bei denen es sich um detonierende Geschoss der 8,8 cm Flak handelte. „Auf einmal zog der letzte Bomber eine Rauchfahne hinter sich her und dann waren da plötzlich weiße Punkte zusehen: Fallschirme, mit denen die dazu noch fähige Besatzung das beschädigte Flugzeug verließ“, so heute nach fast 80 Jahren noch so, als wäre es nur wenige Stunden zuvor erst geschehen.


Ansichtskarte von Worringen um 1900
Foto: Heimatarchiv Worringen


Teilansicht Worringen um 1918
Foto.: Heimatarchiv Worringen


Teilansicht Worringen um 1918
Foto.: Heimatarchiv Worringen


Hans Adam Weihnachten 1938 auf dem Arm seiner Mutter und ...


als Kleinkind 1941 im Hof des Hauses und ...


mit dem Holzpferd auf der Straße ...

Ca. 1950 Pfarrkirche von Worringen und Schulbaracke
Foto: Heimatarchiv Worringen

Beobachtung des Unmenschlichen

1944 wurde Hans Adam sechs Jahre alt und in Worringen eingeschult. Im Spätherbst des Jahres machte er in einer Schulpause vom Schulhof aus eine Beobachtung, an die er sich bis heute sehr gut erinnert. Gegenüber dem Schulhof war ein großer Bauernhof, aus dessen Toreinfahrt acht junge Ost-Zwangsarbeiterinnen traten. Alle waren barfuß und mussten sich auf dem Platz vor dem Hoftor aufstellen, um von dort aus zur Feldarbeit kilometerweit außerhalb von Worringen gebracht zu werden. Es war sehr kalt an dem Morgen. Reif lag auf den Straßen, Dächern und Feldern. Die nackten Füße der jungen Frauen bei dieser Kälte ärgerten ihn jedoch. Er lief zu ihnen hin und fragte sie, warum der Bauer ihnen keine Schuhe gegeben habe. Doch sie schüttelten nur den Kopf. Eine der Frauen sprach Deutsch und berichtete den anderen, warum der Junge so aufgebracht war. Daraufhin umringten sie ihn, strichen ihm liebevoll übers Haar und sagten mehrfach: „Guter Junge, guter Junge“.
Schließlich kam der Aufseher, den Hans Adam ebenfalls entrüstet wegen der fehlenden Schuhe ansprach und zusätzlich fragte, warum er sie nicht mit auf den Pferdewagen nahm.
Doch der Aufseher fluchte nur: er solle verschwinden und mit wilden Gesten und den Worten „Rotzlöffel“ verjagten ihn am Ende.
Als er wieder zum Schulhof zurückgekehrt war, nahmen ihn Mitschüler in ihre Mitte und fragten ihn, ob ihn denn seine Eltern nicht aufgeklärt hätten. Er solle lieber still sein, weil andernfalls seine Eltern Schwierigkeiten bekämen und er selbst in einem Umerziehungslager würde. Die Eltern erklärten ihm später, dass das leider so wäre und sie da nichts machen könnten.

Unvergessene weitere Erlebnisse des Kindes

Auch in Worringen gab es gegen Kriegsende mehrere Einquartierungen von denen ebenfalls die Familie Schmitz betroffen war. So im Winter 1944/45 eine Einheit von Sanitätern. Diese hatte sehr viele Pferde dabei und weil dieser Winter so kalt war, seien viele dieser Pferde eingegangen.

Einmal war ein Soldat im Hause Schmitz untergebracht, der sein Akkordeon dabei hatte. Gerne spielte er dem kleinen Hans Adam darauf vor. Offenbar gefiel ihm dass, denn der Junge freute sich immer sehr. Das Lied „In meiner Heimat, da blühen die Rosen. In meiner Heimat da ist es schön“, mochte der Soldat wohl ganz besonders, weil er es sehr oft spielte.

Eines Tages marschierte eine Kompanie SS-Soldaten die Hauptstraße entlang. Die SS-Leute trugen alle schwarze Uniformen mit Totenkopf-Abzeichen und blickten dabei nach Hans Adams Wahrnehmung „alle sehr böse“. Das bereitete Hans Adam Angst.

Der Rundfunk war im Dritten Reich das Sprachrohr der NS-Propaganda. Die Familie Schmitz glaubte schon früh nicht an das, was die Deutschen Radiosender damals verkündeten. Deshalb wurde regelmäßig der britische BBC-Sender schwarz gehört. Doch wer im NS-Staat beim Abhören der „Feindsender“ erwischt wurde, musste mit der Todesstrafe rechnen. Deshalb musste während des Schwarzhörens entweder Hans Adam oder sein ein Jahr jüngerer Bruder Theo mit Blick nach draußen Wache halten, damit dieses streng verbotene Tun geheim blieb.


Beispiel eines Mauerdurchbruchs im Keller zum Keller des Nachbarhauses hin Foto: Worte im Dunkel


Im Sommer 1946 ist der Krieg vorbei. Hans Adam und sein ein Jahr jünger Bruder im Hof ihres Wohnhauses in Worringen





Die Familienbande auf der Ebene zwischen den Eltern, Onkeln und Tanten war sehr gut. Man unterstützte sich, wann und wo auch immer es möglich war. Dieses betraf insbesondere das Essbare, wenn also ein Haustier geschlachtet oder wenn der Hausgarten geerntet wurde. Denn Essen hab es nur gegen Lebensmittelmarken und so richtig satt werden konnte man damit alleine nicht.

Feuerwehrarbeit bei Luftangriffen auf Köln

Worringen liegt als heutiger Stadtteil von Köln nördlich vom Stadtzentrum bzw. etwa 16 Kilometer vom Dom entfernt.
Bei den schweren Luftangriffen auf Köln konnte man von Worringen aus jeweils den Feuerschein der lichterloh brennenden Stadt sehr gut sehen. Das war gespenstig und beängstigend zugleich.

Für Hans-Adams Vater waren das jeweils schwere und harte Einsätze als Feuerwehrmann in Köln. Löscharbeiten erschienen zwecklos angesichts der Vielzahl der großen Brände. Vornehmlich ging es um die Rettung der Überlebenden, die sich meistens in den Kellern befanden. Vorsorglich waren in vielen Stadthäusern zu Kriegsbeginn schon von Keller zu sogenannten Luftschutzräumen ausgerüstet worden. Dazu gehörten auch Mauerdurchbrüche bzw. Verbindungsöffnungen zum Keller des Nachbarhauses. Sollte das Haus durch einen Bombentreffer zerstört und der Kellerausgang nicht mehr verwendbar geworden sein, wurde damit die Flucht in das Nachbarhaus ermöglicht, was lebensrettend sein konnte.

Auf Kölns Straßen muss indessen zwischen den Wohnhausreihen die Hitze mitunter geradezu höllisch gewesen sein, denn die Überreste der Todesopfer waren in dicht bebauten Straßen oft auf Puppengröße geschrumpft. Viele Bombenblindgänger, die nicht beim Aufschlagen detoniert waren, zündeten schließlich unter der Hitze der brennenden Häuser. Manche Bomben waren zudem mit Zeitzünder versehen und explodierten erst, wenn der Luftalarm schon vorbei war. Die Arbeit der Feuerwehr und Retter war somit eine anhaltend hochgefährliche. „Wir alle waren immer heilfroh und glücklich, wenn Vater nach einem vierundzwanzigstündigen und manchmal auch noch längeren Einsatz im schon wieder zerbombten Köln heil zuhause eintraf“, so Hans Adam. Zum Glück hatte der Vater alle die schweren Luftangriffe körperlich unbeschadet überlebt.
Von den schrecklichen Eindrücken und Bildern der Verletzten und Toten, denen er bei seiner Arbeit täglich ausgesetzt war erzählte er indessen bis zu seinem Lebensende nie. Psychologische Betreuung gab es für die millionenfachen Traumata der Menschen damals nicht. Die Betroffenen mussten alle selbst schauen, wie sie mit dem Erlebten klarkamen.

Als die Amerikaner kamen

Seit Anfang März gingen wir kaum noch aus dem Bunker, da die Amerikaner immer näher rückten. Gefährlich war der Beschuss durch Tiefflieger, die in der Zeit immer öfter auftauchten und der Beschuss durch die Artilleriegranaten.
Am 5. März 1945 waren die Amerikaner schließlich in Worringen und hatten einen Tag später das ganze linksrheinische Köln in Ihrer Hand.

Der Krieg hatte danach in Worringen seinen größten Schrecken verloren, aber so ganz weg war er bis Anfang Mai 1945 noch nicht.
Hans-Adam: „Die Amerikaner waren etwa eine Woche schon in Worringen, da spielten wir Kinder im Haus zum Hinterhof, wo mein Onkel für eine Firma Traktoren und Schaustellerwagen unterstellen durfte. Plötzlich war ein hohes Pfeifen über unseren Köpfen zu hören. Wir waren daraufhin sofort alarmiert und sprangen vom Pferdewagen, auf dem wir uns gerade befanden, eiligst herunter und suchten ohne lange nachzudenken auf allen Vieren Deckung unter dem Wagen. Nur eine Tante, die damals 18 Jahre alt war, blieb auf dem Kutschbock sitzen und schrie wie am Spieß. Wir konnten Sie kaum beruhigen.
Derweil war eine Granate auf der gegenüberliegenden Straßenseite eingeschlagen und hatte ein im Durchmesser etwa zwei Meter großes Loch in eine Hauswand gesprengt. Der Oma, die zu der Zeit im Wohnzimmer des Hauses saß, war außer einem gehörigen Schrecken zum Glück nichts passiert“. Vermutlich kam die Granate vom anderen Rheinufer, wo die Deutschen Truppen noch saßen und mitunter über den Rhein auf die feindlichen Amerikaner in Worringen schossen.

Hans Adam konnte zu der Zeit auch beobachten, wie das rechtsrheinische Bayer-Werk in Leverkusen, das damals noch I.G. Farben hieß, von amerikanischen Jagdbombern in Angriff genommen wurde. Leverkusen gehörte zum südwestlichen Ausläufer des Ruhrkessels, der bis zum Selbstmord des Leiters der Heersegruppe B, Generalfeldmarschall Model am 21. April 1945 bestand. Erst am 14. April 1945 sollte das Leverkusener I.G. Farben-Werk von den amerikanischen Truppen eingenommen werden.

Ende April 1945 sind Hans-Adam und sein Bruder Theo zusammen mit der Mutter erstmals wieder nach Köln gefahren, um den Vater bei der Feuerwehr zu besuchen. Die Zerstörungen Kölns, von denen der Vater bisher zu Hause nur berichtet hatte, wirkten nun, als sie diese mit eigenen Augen sahen, schlimmer als sie sich das haben vorstellen können: „Nur kaputte Häuser. Alles in Trümmern. Es war schrecklich“.

Zurückgebliebenes Kriegsgerät als Kinderspielplatz

„Nach dem Krieg stand und lag überall kaputtes Material herum. Wir Jungs hatten uns einen beschädigten Panzer zum Spielen auserkoren. Das Panzerkanonenrohr konnten von innen zwei Jungs mit vereinten Kräften hochziehen. Und wenn dann ein Radfahrer oder Fußgänger den Panzer passierte, ließen wir das Kanonenrohr los, sodass es wieder nach unter fiel und dort mit lautem Getöse aufschlug. Dann erschraken diese Passanten und beschimpften uns lauthals.

1947 Umzug der Familie nach Alfter-Impekoven


Hans Adams Vater erbte 1947 einen Bauernhof in Alfter-Impekoven, den die Familie sodann auch bezog. Die Nachkriegsjahe erlebte die Familie somit im Vorgebirge.



Ein Foto aus Friedenszeiten: Kommunion des Bruders Theo 1949 schon in Alfter-Impekoven: Theo 2. v.l. , Hans Adam 2. v.r.




Hans Adam Schmitz im November 2023

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Text: Hans Peter Schneider Fotos: Sofern nicht in der Bildunterschrift angegeben, aus der Sammlung Hans Adam Schmitz