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Arpad Schießl – ist Kriegskind


Arpad Schießls Vater (3. v.l) bei Drescharbeiten auf einem Feld bei Üröm

Donauschwabe und Kriegskind

Zur Geschichte der Donau-Schwaben in Ungarn

Wer sich mit Arpads Geschichte oder besser mit der seiner Familie befasst, trifft auf ein besonderes Kapitel deutscher und nunmehr auch europäischer Geschichte, die sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als dessen Folge dramatisch zuspitzte. Hierbei handelt es sich um die Geschichte der Donauschwaben, die nach dem Zweiten Weltkrieg größtenteils vertrieben wurden und dabei alles, was seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts die Generationen dort aufgebaut hatten, zurücklassen mussten.

Österreich, Ungarn, Rumänien und die Balkanstaaten waren in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu den Zeiten der Belagerung Wiens türkisch besetzt. Nach der Vertreibung der Türken aus Ungarn und Rumänien in erbitterten Schlachten 1683 war das Land infolge der Besatzung stark verwüstet und die Bevölkerung größtenteils ermordet, vertrieben und verschleppt. Deshalb war dem Wiener Hof nunmehr sehr daran gelegen, dass dieses öde und entvölkerte Land wieder besiedelt und bewirtschaftet wurde, nicht zuletzt auch deshalb, um weiteren osmanischen Einfällen besser entgegen zu können. Die Wiener Monarchen betrieben deshalb massiv Werbung in den zum Kaiserreich Karls VI. (1685-1740), Maria Theresias (1740-1780) und Josefs II. (1780-1790) gehörenden deutschen Ländern, Pfalz, Württemberg, Baden, Bayern/Franken und Österreich. Hauptsächlich ärmere Familien und Alleinstehende mit wenig Zukunftsperspektiven schlossen sich den kaiserlichen Werbern an und wurden auf sogenannten Ulmer Schachteln (überdachten Holzflößen) die Donau abwärts nach Ungarn gebracht, wo sie in neuen Dörfern in der Tiefebene Häuser, Feld und 10 Jahre Steuerfreiheit bekamen. Die angesiedelten Donau Schwaben pflegten ihre mitgebrachten heimatlichen Mundarten im täglichen Sprachgebrauch und sprachen parallel dazu auch Ungarisch oder Rumänisch. Bei der Alphabetisierung kam es auf den Einsatz einiger weniger Lehrer und der Pfarrer an, die erst im 19. Jahrhundert für eine Beschulung mit elementarem Wissen im Lesen, Schreiben und Rechnen sorgten, wenngleich die Religionslehre dabei stets im Mittelpunkt stand.

Österreich-Ungarn wurde 1867 zur k. u. k. (kaiserlichen und königlichen) Monarchie und war bekanntermaßen ein Vielvölkerstaat, in dem viele Ethnien nebeneinander auskommen mussten. Dieses funktionierte über viele Jahrzehnte auch einigermaßen gut. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann in Ungarn eine radikale Magyarisierungspolitik, in deren Folge sich das städtische deutsche Bürgertum, um seine wirtschaftlichen Interessen zu wahren, dem Ungartum anpasste. So wurde die deutsche Sprache mehr und mehr durch die ungarische ersetzt. Auch die Namen von Personen wurden zunehmend ungarisiert. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges lebten etwas mehr als 1,5 Mio. Donauschwaben im Königreich Ungarn. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte Ungarn zu den Verlierern. Im Vertrag von Trianon verlor Ungarn ca. 70% seiner Gebiete, die von Nachbarstaaten Jugoslawien und Rumänien annektiert wurden. Die Zahl der Deutschen im Staat Ungarn wurde dadurch mehr als halbiert.

Zwischen den Weltkriegen wuchs der Magyarisierungsdruck. Dabei hofften die Ungarndeutschen auf Hilfe von außen, was sich das NS-Regime nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 zu Nutze machte. Ungarn war zum Kriegsbeginn Teil der faschistischen Koalition. Als Ungarn diese Anfang 1944 jedoch verlassen wollte, ließ Hitler kurzerhand Ungarn von deutschen Truppen besetzen und alle volksdeutschen Männer im Alter von 17 bis 60 Jahren wurden zwangsweise zur Waffen-SS eingezogen.

Im Dezember 1944 hatten sowjetische Truppen Budapest, wo sich etwa 80.000 deutsche Soldaten befanden, eingekesselt. Unter hohen Menschenverlusten auf beiden Seiten und auch unter der Zivilbevölkerung wurde erbittert bis Februar 1945 um jedes Haus in Budapest gekämpft. Im Waffenstillstandsabkommen vom 20. Januar 1945 musste Ungarn sich einer Alliierten Kontrollkommission unter Vorsitz der Sowjetunion unterstellen. 
Dieses Waffenstillstandsabkommen verpflichtete Ungarn zur aktiven Mithilfe bei der Verfolgung, Verhaftung und Verurteilung von Kriegsverbrechern. Alle hitlerfreundlichen oder andere politischen, militärischen und paramilitärischen Organisationen der Ungarn und Ungarndeutschen waren aufzulösen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden zunächst zahlreiche Donauschwaben bzw. Ungarn-Deutsche zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion verschleppt. In ihrem Heimatort bleiben durften nur die wenigsten. Wer nicht verschleppt wurde musste sich fragwürdigen Entnazifizierungsverfahren unterwerfen, bei denen nicht unterschieden wurde, ob die Mitgliedschaft zur SS freiwillig erfolgte oder staatlich erzwungen wurde. Der größte Teil der Donauschwaben wurde auf diesem Wege enteignet, entrechtet und zwischen 1946 und 1948 nach Deutschland, zuerst in die amerikanische, später in die sowjetische Besatzungszone vertrieben. Alles in Allem hatte Ungarn, ermächtigt durch das Potsdamer Abkommen, am Ende etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung ausgewiesen. Die dort verbliebenen wurden in den ersten Jahrzehnten des Sozialismus - ähnlich wie etwa die Wolga-Deutschen in der Sowjetunion - diskriminiert. Viele kehrten deshalb Ungarn den Rücken und wanderten nach Möglichkeit aus.

Die Verbitterung unter den Vertriebenen hierüber war verständlicherweise groß. Hatten ihre Vorfahren doch das Land, das sie jetzt verlassen mussten, etwa 200 Jahre zuvor wieder urbar gemacht und die nachfolgenden Generationen, die dort geboren wurden, hatten den Wohlstand, Besitz und Immobilien auf- und ausgebaut.

Ab den 1970er Jahren verbesserte sich diese Situation und nach Fall des Eisernen Vorhangs entstanden auf der Grundlage eines Minderheitengesetzes von 1993 nachfolgend Minderheitenorganisationen.

Weitergehende Informationen hierzu in Wikipedia.

Arpad Schießl im Juli 2019

Zeichnung einer „Ulmer Schachtel“, mit der die Schaben im 17. und 18. Jahrhundert zu neuen Ufern der Donau aufbrachen
Quelle: Wikipedia

Karte der Völker-Verteilung in Österrich-Ungarn vor dem 1. Weltkrieg. (Vergrößern durch Anklicken, der rote Pfeil zeigt auf Üröm)
Quelle: Wikipedia



Link zu Google-Earth mit einem Blick auf Üröm im Jahre 2012

Die typische Bauweise der Donauschwaben ging nicht über viele Geschosse hinaus
Quelle: http://ka-me-reisen.de/2016/04/immer-weiter-richtung-serbien-pecs/

Link zu Google Street-View mit Blick aus dem Jahre 2012 auf die Straße in Üröm, in der Arpad als Kind spielte. Die Architektur der von den Donauschwaben errichteten Gebäude in Üröm musste im Krieg kaum Zerstörungen hinnehmen und besteht auch heute noch sehr weitgehend

In Ihrer neuen alten Heimat veranstalten die Vertriebenen-Verbände auch heute noch regelmäßige Treffen
Quelle: Schwarzwälder Bote


Zur Geschichte von Arpads unmittelbaren Vorfahren

Arpad wurde im Mai 1940 geboren. Seine Eltern und Großeltern waren Bauern im wenige Kilometer nordwestlich von Budapest gelegenen Dorf Üröm, das einst von den Donauschwaben aus dem Nichts wieder aufgebaut wurde, zählte 1940 ca. 2.000 Einwohner, und zwar durchweg Donauschwaben. Dort übernahm sein Vater den Bauernhof seiner Großeltern. 1936 erbaute er zusätzlich einen Gasthof mit Tanzsaal etwa 2 km weiter südlich und näher an Budpest an der viel befahrenen Hauptstraße von Budapest nach Wien im heutigen Ortsteil Péterhegy gelegen. Arpads Familie wohnte im Dachgeschoss des Gasthauses. Viele Reisende machten dort gerne eine entspannende Pause, bevor sie in die Stadt Budapest hineinfuhren. Außer dem dem Betrieb des Gasthofs und des Bauernhofs baute Arpads Vater noch Wein an, betrieb eine Weinhandlung sowie eine Lohndrescherei. Auf dem Bauernhof seines Vaters lebten außer den Familienangehörigen in der Regel vier bis fünf Knechte und genau so viele Mägde, alle ungarischer Abstammung, fünf Ackerpferde und zahlreiche Kühe.

Deutscher Fleiß und Gründlichkeit sowie schwäbische Sparsamkeit bescherte den Donauschwaben einen eklatanten Wohlstand. Bei der Heirat blieben die Donauschwaben in der Regel unter sich. Arpad Geburtsort Üröm zählte beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ca. 2.000 Einwohner, und zwar durchweg Donauschwaben. Der Anteil der dort lebenden Ungarn lag deutlich unter 10 %. Jahre später erfuhr Arpad, dass er einmal das Gasthaus übernehmen sollte, während sein älterer Bruder als ältestes Kind den Beruf des Geistlichen bzw. Pfarrers anstreben sollte. Das war bei den Familien damals so üblich, dass der oder die Älteste einen geistlichen Beruf ergriff.

Heute (2019) zählt Üröm etwa 7.500 Einwohner. Der Umstand, dass sich diese Zahl seit 1980 verdoppelt hat zeigt, dass Üröm zu einem Vorort von Budapest geworden ist. Die Bevölkerung hat nichts mehr mit der Bevölkerung zu tun, die dort in Arpads Kindheit lebte und auch die Straßennamen sind durchweg ungarisch. Lediglich die Architektur der Bausubstanz von vor dem Zweiten Weltkrieg, der gottlob nicht viel Zerstörungen in Üröm angerichtet hatte, lässt den Kenner noch deutsche Ursprünge erkennen. Hierzu reicht auch ein Besuch mit Google-Earth. Mit Google-Street-View sieht man sehr deutlich die damals üblicherweise in eingeschossiger Bauweise errichteten Häuser. Auch die Häuser von Arpads Vorfahren sind so noch zu finden.
Link zu Street View mit Blick auf das ehemalige Gasthaus von Arpads Vater.

Arpad Schießls Großvater Joschka Schießl als ungarischer Soldat im Jahre 1914 kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs. Er war auch Mitglied des Stadtrates von Budapest. Diese Umstände zeigen, wie sehr die Donauschwaben mit ihrer ungarischen Heimat verbunden waren, aus der sie später vertrieben wurden. 1936 verstarb Joschka Schießl und wurde in Üröm begraben. An sein Grab kann Arpad sich nicht erinnern

Im Krieg geboren

Als Arpad im Mai 1940 in Üröm geboren wurde, war der Krieg bereits über ein halbes Jahr im Gange. Schon alleine altersbedingt konnte er vom Krieg selbst unmittelbar nicht viel bewusst erleben. Erst 1944, als sein Vater wie alle wehrfähigen ungarndeutsche Männer, in die Waffen-SS zwangsrekrutiert wurde, merkte er als Vierjähriger, dass sich in seiner gewohnten Umgebung etwas veränderte. Eine wichtige Bezugsperson fehlte ihm in seinem täglichen Umfeld.

Im Herbst und Winter 1944 kam dann der Krieg in Üröm an. Die Rote Armee hatte die mit etwa 800.000 verbliebenen Einwohnern 80.000 deutschen und verbündeten ungarischen Soldaten besetzte Stadt Budapest eingekesselt. Über Wochen hinweg lag Üröm im Donnerhall der Geschütze, die über den Ort hinweg ihre unheilbringenden Granaten abfeuerten: Die Rote Armee schoss vom nahe bei Üröm gelegenen Fuchsberg in die Stadt hinein, die Deutschen schossen umgekehrt aus der Stadt heraus und Üröm lag genau unter den Geschossbahnen. Glücklicherweise war Üröm selbst nie Beschussziel. Es waren Wochen der Angst, die von den Erwachsenen auf die kleinen Kinder übertragen wurde. Arpad erinnert sich, dass er mit seiner Mutter zusammen tage- und wochenlang im Keller des elterlichen Gasthofs gehockt hatte, er sich unter den Rock der Mutter verkrochen und mit dem Stoff des Rocks sich die Ohren zugestopft hatte, weil er den dauerhaften Lärm der Geschütze anders nicht mehr ertragen konnte. Obwohl Arpad in der Zeit noch keine fünf Jahre alt war, kann er sich noch an viele Details erinnern, „weil die Zeit insgesamt so furchtbar war“. Andererseits hatte er da noch seine Eltern oder zumindest seine Mutter. „Die war für mich wie eine Burg, in die ich mich zurückziehen konnte und die mich umsorgten, wenn es schlimm wurde. Andere Kinder waren schon Waisen und denen ging es ohne Eltern nicht so gut wie mir“. Arpad erlebte, wie verwundete deutsche Soldaten in den Bauernhof und in die Gaststätte gebracht wurden und seine Mutter diese versorgte. Dabei wurde ihm auch als kleines Kind einmal mehr bewusst, wie schlimm doch Krieg ist.

Budapest, die Stadt, mit der sich die Ürömer aus naheliegenden Gründen am meisten verbunden fühlten, erlitt in dieser Zeit die stärksten Verwüstungen. Weihnachten 1944 war die Rote Armee in die Stadt eingedrungen und bis alle Widerstände der Deutschen gebrochen waren, dauerte bis Mitte Februar 1945. Die eingeschlossenen deutschen und ungarischen Truppen sprengten bei ihrem Rückzug auf die Budaer Seite des Kessels sämtliche Brücken über die Donau. Insgesamt starben noch 38.000 Zivilisten in dieser Kriegsphase. Die Kämpfe um Budapest wurden als das „Stalingrad an der Donau“ bezeichnet.

Arpads Vater hatte seinen Kriegseinsatz in Österreich. Dort geriet der in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach dessen Entlassung machte er sich auf den Heimweg nach Üröm, wurde dort jedoch von der Roten Armee gesucht, sodass er sich versteckte, tagsüber oft in den aus Garben zusammengestellten Strohlager auf den Feldern.

Nach Kriegsende waren die Deutsch-Ungarn die Feinde in ihrem eigenen Land. Die Rote Armee behandelte sie jedenfalls so. Die Ürömer blickten in eine ungewisse Zukunft und alle ahnten, dass da, nachdem ihre Vorfahren ca. 200 Jahre zuvor das Land urbar gemacht und über Generationen weiter auf- und ausgebaut hatten, nun, Hitler sei Dank, etwas Ungutes auf sie zukommen würde. Schon im Sommer 1945 mussten sie Ihre Hause räumen und Ungarn in sie einziehen lassen.. Man teilte sich fortan mit Verwandten deren Wohnraum, oft in Gesindewohnungen und Ställen. Aber es wurde ihnen zugesichert, dass sie das Ackerland behalten dürften und deshalb bestellen sollten. Dieses geschah dann auch, denn schließlich fehlte es ja sonst an Lebensmitteln für den nächsten Winter. Das Vieh wurde weitgehend von der Roten Armee konfisziert und zumeist geschlachtet. Mehr als ein Arbeitspferd blieb den Schießls nicht. Bürgerrechte oder vom Schutz des Staates für seine Bürger bekamen die ungarndeutschen Ürömer nichts mit. Ganz im Gegenteil galten sie ja als Feinde, die außer der schleichenden Enteignung auch noch zusätzlichen Drangsalierungen ausgesetzt waren. Besonders einzelne, von der Sowjetunion eingesetzten kommunistischen Polizisten waren bald gefürchtet; schreckten sie doch gar vor kaltblütigem Mord nicht zurück, wohl wissend, dafür nicht belangt zu werden.

In Üröm war es unmittelbar nach dem Krieg wie auch in Deutschland: Überall lagen Munition und Granaten herum, die vor allen Dingen die Jungen bevorzugt suchten. Ständig hörte man, dass es irgendwo knallte oder dass Stichflammen durch das Abbrennen der Munitions- und Granateninhalte aufblitzten. „Der Erfolg wurde jeweils mit lautem Gejohle gefeiert. Wir Kleinen klopften mit Steinen auf der Gewehrmunition und auf kleinen Granaten herum und die größeren von uns auf den Artilleriegranaten. Ich weiß heute noch, wie diese Munition zu öffnen ist. Das ging so lange, bis es zu einem schlimmen Unglück kam, und mit einem großen Detonation gleich vier von meinen älteren Spielgefährten den plötzlichen Tod fanden. Ich war zum Glück weit genug vom Unglücksort unmittelbar hinter der Kirche entfernt, sonst wäre ich selbst womöglich auch noch betroffen gewesen. Selbst als kleine Kinder waren wir höchst betroffen zu sehen, wie die Erwachsenen die Leichenteile einsammelten und in weiße Tücher legten. Dieses Erlebnis taucht mir bis heute immer wieder in der Erinnerung auf. Nach der anschließenden großen Beerdigung war uns die Lust vergangen und die Erwachsenen achteten mehr auf das, womit wir spielten“.

Anfang April 1946 wurde eine Liste im Ürömer Rathaus ausgehängt mit allen Namen von Personen, die Ungarn verlassen mussten. Jede Person durfte 80 kg mitnehmen, zusätzlich einige Lebensmittel für die Reise. Ca. 97 % der alteingesessenen Ürömer waren von dieser Vertreibung betroffen. Auch die Schießls. Ab dem 7. April 1946 durfte niemand mehr Ürom verlassen. Arpads Vater durfte jetzt auch wieder unbehelligt nach üröm kommen um letztendlich mit seiner Familie wegzuziehen. Von Ende April bis in den Mai 1946 hinein wurden dann Gruppen zusammengestellt, die mit Pferdefuhrwerken bis zur Bahn nach Budapest fahren durften. Dort mussten sie in Viehwaggons steigen, in denen es auf die Bahnreise nach Deutschland gehen sollte.

Arpad war da gerade sechs Jahre alt und erinnert sich: „Die den Eltern gehörende Gaststätte mussten wir schon etwa im Mai 1945 verlassen und zurück in den Bauernhof der Großeltern ziehen, der noch von der Oma bewohnt und bewirtschaftet wurde. Der Gasthof wurde sodann von Ungarn bezogen. Auf dem Bauernhof wurden, bis auf eines, alle Pferde eingezogen und von den sowjetischen Besatzern geschlachtet. Auch alles was die Familie an Wertgegenständen, Schmuck, Uhren und Edelmetallen besaß, wurde ihnen abgenommen. Auf dem Bauernhof versuchten die Erwachsenen, so weit das ohne Pferde und Personal möglich war, den landwirtschaftlichen Betrieb am Laufen zu halten. Zudem wuchs in der Familie die Befürchtung, dass sie den Ort über Kurz oder Lang auch noch ganz verlassen müsse. Allerdings ging man davon aus, dann doch innerhalb eines Jahres wieder zurück kommen zu dürfen, denn eigentlich fühlten sie sich ja als Ungarn und nicht als Deutsche. Etwas besonderes war lediglich ihre deutschen Vorgeschichte; aber andere Ungarn hatten ebenfalls ihre Vorgeschichte. Arpads Eltern hatten deshalb vorsorglich für den Fall einer längeren Abwesenheit und späterer Rückkehr bei Nacht und Nebel im Garten Schmalz und Silberbestecke vergraben.

Dann hieß es tatsächlich im Mai 1946 „Packen, wir müssen wegziehen“. Für jede Person wurden die 80 kg Gepäck zusammengestellt und auf den großen Leiterwagen geladen, den das einzig verbliebene Pferd, es hieß Pandi oder in ungarisch Ponti, ziehen musste. „Mein älterer Bruder, der damals 15 Jahre alt war, hatte das Pferd vor den Leiterwagen gespannt. Ich selbst wurde bei der Abfahrt hoch oben auf den Leiterwagen gesetzt und hielt dabei die Wohnzimmeruhr fest im Arm. Diese hatte man uns glücklicherweise gelassen. Als in Budapest am Bahnhof das Pferd stehen blieb und wir es noch nicht richtig vom Wagen ausgespannt hatten, kamen sofort die Sowjets und nahmen es mit. Vermutlich wurde es anschließend geschlachtet, wie die übrigen Pferde auch, die sie uns damals vom Bauernhof weggenommen hatten. Unser Gepäck luden wir in den Viehwaggon, woran ich mich noch sehr gut erinnern kann. Innerhalb ein oder zwei Tagen war fast unser komplettes Dorf, Üröm bestand ja fast ausschließlich aus Donauschwaben, in den einen Zug verladen. Meine aus sechs Personen bestehende Familie teilte sich den Waggon mit anderen Familien aus Üröm“.

Die Bahnfahrt von Budapest in Richtung Deutschland gestaltete sich langwierig und mühsam. Das Bahnnetz litt immer noch unter den Kriegsschäden und es gab vermutlich auch Wichtigeres zu transportieren als Ungarndeutsche nach Deutschland. Der Zug rollte nur langsam und immer wieder blieb er stehen, manchmal auch ganze Tage an einem Ort. Für die Ernährung unterwegs mussten die Reisenden selbst Sorge tragen. Mit jedem weiteren Reisetag wurde diese zunehmend zu einem Problem, zumal ja auch niemand wusste, wann genau die Reise enden und was uns dann erwarten würde. Glücklicherweise durften wir aussteigen, wenn die Bahn stand. Trinkwasser wurde in der Umgebung gesucht und ebenfalls Essbares. Findige Mitreisende ernteten gar die an der Bahnstrecke stehenden Brennnesseln und kochten sich davon eine Suppe zwischen zwei Backsteinen fürs Feuer mit dem Kessel obenauf.
Meistens fuhr der Zug zur Nachtzeit, da rumpelte er dann über die Gleise. Im Waggon hatte Arpad seinen Platz ganz hinten auf den Kisten, auf die nochmals Textilien gelegt waren und auf denen er dann liegen durfte. Der Waggon hatte dort einen Schlitz in der Wand, durch den er von seinem Lager aus hindurchschauen konnte. „Nachts sah ich dann immer wieder einmal ein Licht in der Ferne oder auch gleich mehrere, wenn wir durch einen Ort fuhren. Ganz besonders erinnere ich mich an die nicht enden wollenden vielen Lichter bei der Fahrt durch Wien. Dort gab es jedoch weder einen Halt und schon gar keinen Aufenthalt“.

Die Bahnfahrt endete schließlich nach etwa einer Woche, gefühlt was das viel länger, in einem aus Baracken bestehenden Durchgangslager in Wasseralfingen bei Aalen, ca. 50 km nördlich von Ulm gelegen. Vor allem in den Jahren 1945 und 1946 trafen viele Flüchtlinge aus Ostpreußen und Schlesien und anschließend aus Böhmen, Mähren und Ungarn hier ein und wurden im Landkreis verteilt. Die vorhandenen Lager wurden genutzt um die Menschen bis zu ihrer Weiterfahrt kurzfristig versorgen zu können.Noch bevor wir die Baracken selbst beziehen durften, mussten wir uns einer gründlichen Entlausung mit Staubspritzen unterziehen. Für uns Kinder war das Lager ein interessanter Ort, denn vom ehemaligen Steinbruchbetrieb standen noch zahlreiche Loren herum, mit denen wir Kinder gerne spielten“.

Donauschwaben kurz vor dem Abtransport im Güterzug. Hinter einem der oberen offenen Gitterfenster saß Arpad während der Fahrt
Foto
: Ungarisches Kultur- und Informationszentrum

Die ehemalige Dorfgemeinschaft Üröm hatte trotz ihrer Vertreibung im Zug fortbestanden und auch in diesen Baracken des Zwischenlagers im Steinbruch. Aber es war nicht möglich, in Deutschland für die mehr als 1.500 Ürömer einen Ort zu finden, in dem diese sich geschlossen niederlassen und einen Neuanfang quasi in Neu-Üröm starten konnten. Deutschland war nach dem nur 12 Jahre dauernden „Tausendjährigen Reich“ der Nationalsozialisten vom Krieg selbst ruiniert, Verwaltung und Wirtschaft standen an einem Neubeginn und Vertriebene aus dem Osten strömten täglich zu Tausenden ein.

„In Wasseralfingen wurden wir nach einigen Tagen Aufenthalt von amerikanischen Armee-Lastwaren abgeholt und in unterschiedliche Orte zumeist auf Bauernhöfe verteilt“. Die Dorfgemeinschaft wurde damit vollständig aufgelöst und war fortan zwischen den Familien nur über größere Distanzen zu pflegen. „Meine Verwandtschaft kamen in Bauernhöfe in die Orte Ellwangen (Jagst), Aalen und Bopfingen“. Der Wunsch nach dem Zusammenbleiben hatte sich damit sehr relativiert. Die übrigen Ürömer wurden in einem noch weiteren Kreis verteilt, blieben allerdings durchweg in Baden Württemberg.


Arpad im Frühjahr 1943 im zarten Alter von knapp drei Jahren

Arpads Vater mit seinen Kindern Urban und Elisabeth. Im Hintergrund Arpads Cousine Flora um 1941. Urban trägt das Käppchen des Internates Esztergom. Er sollte später einmal Priester werden. Arpad war da erst ein Jahr alt und seine jüngere Schwester war noch nicht geboren

Neue Heimat in Geislingen am Ries

Arpads Familie wurde einem Bauernhof in Geislingen am Ries zugewiesen, heute ein Ortsteil von (Plz.: 73485) Unterschneidheim. Im Dorf galten die vertriebenen Donauschwaben wegen des Vertreibungsortes Ungarn zunächst einmal als „die Zigeuner“.
„Es war nicht so, als wenn man auf uns gewartet hätte. Von Vorteil für die Integration erwies sich schnell der Umstand, dass wir deutsch sprachen, katholisch waren und rege am kirchlichen Leben teilnahmen. In die Schule gingen auch zwei evangelische Kinder, die es mit der Integration am Ende schwerer hatten als wir Donauschwaben. Religion war damals in diesem Bauerndorf sehr viel wichtiger als junge Leute sich das heute noch vorstellen können“.

Auf dem Bauernhof, auf dem Arpad untergebracht war, konnte er auch schon sehr bald die ersten Beerdigungen erleben. „Die Eltern des Bauern starben kurz nacheinander. Die Toten wurden aber nicht in einem Leichenhaus aufgebahrt sondern im Bauernhaus selbst und von dort aus fand dann wenige Tage später auch die Beerdigung mit dem Trauerzug zum Friedhof statt.

„Mit den sechs Personen meiner Familie teilten wir uns ein Zimmer direkt neben dem Stall. Dementsprechend roch es auch dort ständig nach Stall.

Bei dem Bauern waren wir in der Anfangszeit nicht sehr erwünscht und ich und meine kleine Schwester durften zunächst nicht den Bauernhof selbst betreten. So kam es, dass wir einen Hochsommer lang uns nur in dem einen Zimmer aufhalten durften, das wir mit der ganzen Familie auch bewohnten. Wenn ich ins Dorf musste, blieb ich desshalb immer gerne etwas länger im Dorf, denn ich traute mich nicht über den Hof zu gehen, weil ich dann die Schelte des Bauern fürchtete. Das änderte sich jedoch schon im Jahr darauf, als der Bauer selbst sein erstes Kind bekam.
Nach einigen Monaten begann meine Mutter damit, dem Bauern auszuhelfen und auch ich fand bald eine kleiner Anstellung auf dem Bauernhof als Hirtenjunge. Die Weiden waren nicht umzäunt und deshalb musste jemand bei dem Vieh bleiben. Wenn der Klee reif war, hatte ich streng darauf zu achten, dass die Kühe nicht zu viel Klee fraßen, denn davon bekamen diese dann Blähungen.

Im Dorf besuchte ich auch die Schule, die aus einer Unterklasse für die Schuljahre 1 bis 4 und einer Oberklasse für die Schuljahre 5 bis 8 bestand. Dort hatte ich sehr gute Lehrer, ich lernte einwandfreies Deutsch und auch in den übrigen Fächern war ich sehr gut. In dieser armen Zeit hatten wir allerdings kein Schreibmaterial. Mein Lehrer sagte deshalb immer: Die Zeitung lesen, dann den Rand abreißen und auf diesem Schreiben üben! Und das habe ich gerne befolgt“.

Den geringen Unterhalt der Familie erwarb die Mutter mit Arbeit beim Bauern. Darüber hinaus wurden die bereits abgeernteten Felder nochmals abgesucht und sowohl Kartoffeln als auch Ähren eingesammelt. Ebenfalls wurde an den Wegesrändern diverse dort wild wachsende Früchte, meistens Schlehen und Hagebutten gesammelt. In dem vielen Wald fanden sich Bucheckern, aus denen sich Öl gewinnen ließ. Es war ein täglicher Kampf gegen den Hunger.
Arpads Vater hatte große Probleme, sich in die neue Situation und seine neue Rolle einzufinden. Das änderte sich erst, nachdem er 1947 im Stuttgarter Stadtwald eine Arbeit gefunden hatte. Dort lebte er die Woche über mit vielen anderen Arbeitern in eine Baracke und kam nur an den Wochenenden nach Hause zu seiner Familie. Das war für Ihn nach dem Krieg jeweils eine halbe Tagesreise, denn die Busse fuhren kaum und wenn, dann unregelmäßig.

Das Verhältnis zum Bauern verbesserte sich im Laufe der Jahre und gleichzeitig nahm die Integration im Dorf und der Umgebung zu. Anfang der 1950er Jahre durfte die Familie das zum Bauerhof gehörende „Aufgebhäusle“ beziehen. Das war ein vom Bauernhof etwas abgesetztes zusätzlichen kleines Haus, in dem der Elternteil des Bauern seinen Lebensabend verbringen sollte. Wegen des frühen Todes des Altbauern und seiner Frau stand dieses Aufgebhaus frei und Arpads Familie konnte die entsprechende Miete aufbringen.

Als 1954 Arpad seinen Besuch der Dorfschule erfolgreich abschloss, da verdiente er sich schon etwas Geld mit Aushilfstätigkeiten beim Dorfschreiner und Zimmerer. Diese Zeit war für ihn richtungsweisend und so stand mit dem Abschluss seiner Schulzeit fest, dass es für seine Zukunft ein technischer Beruf sein sollte. Der Sohn dieses Schreiners hatte sich eine 350er Vorkriegs-DKW NZ 350, hergerichtet. Da war Arpad dabei, hatte einige Male damit fahren dürfen und war fortan von Motorrädern begeistert.

Über seinen Großvater, der in einer Wollfabrik in Heidenheim eine Anstellung gefunden hatte, fand Arpad eine Lehrstelle in einem kleinen Betrieb in Schnaitheim bei Heidenheim. „Der Meister war sehr streng, aber ich hatte dort sehr viel gelernt“, so Arpad. „Der Betrieb war jedoch zu klein, um mich als Geselle übernehmen zu können. Ich selbst wollte zur Maschinenfabrik Voith und bewarb mich auch dort. Allerdings hatten die zunächst keine Stelle frei für mich. Notgedrungen arbeitete ich dann für ein Jahr in einer Zementfabrik, wo ich die großen Maschinen am Laufen halten musste“.

Ein Jahr später klappte es dann mit der Traumstelle bei Voith, wo Arpad als Kundendiensttechniker und von den 42 Jahren bis zur Rente die letzten Jahre als Einsatzleiter tätig war.

Die Uhr, die Arpad bei der Vertreibung der Familie hoch auf dem Wagen in seinen Armen hielt, hängt heute in seiner Küche in Bornheim-Roisdorf

Was ihn noch an die Zeit in Ungarn und die dramatische Flucht von dort erinnert ist die Wohnzimmeruhr, die er auf der Fahrt mit dem Leiterwagen bis zum Bahnhof in Budapest in seinen Armen hielt. Diese Uhr hängt heute in seinem Wohnzimmer in Bornheim-Roisdorf und zählt immer noch jede Sekunde.

Literaturhinweis

Zu Arpads Erzählungen wurden noch umfassende Recherchen im Internet angestellt. Besonders hervorzuheben ist das Büchlein

  • Schmidt, Anna Maria: Heimatlos. 2. Auflage, Waiblingen 1998, 185 Seiten.

Die Autorin war eine fast unmittelbare Nachbarin der Schießls in Üröm und berichtet darin sehr ausführlich und in authentischer Sprache über die von ihr in Üröm erlebten Kriegsereignisse bis hin zur Vertreibung.





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Arpad im Sommer 2019 bei seinem lieben Hobby

Swisttal, im Oktober 2019

Text: Hans Peter Schneider
Fotos: Arpad Schießl und Hans Peter Schneider, falls am Foto selbst keine Hinweise zu finden sein sollten

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